Dienstag, 20. August 2019

Zombie-Kneipen, zentral gezapft

MUSEUM OF MODERN MEDIA, immer dieselbe Frage.
Karikatur: Karlheinz Stannies
„Wir werden bald zentralisieren“, schockte der Wirt unseren Stammtisch. „Wir wollen uns mit anderen Lokalen zusammentun“, sagte er. Wegen des Kneipensterbens. „Das Bier für alle kommt künftig zentral gezapft vom Dorfkrug“. Wir schauten ihn groß an; der ist doch drei Stadtteile entfernt. „Okay, wir wissen noch nicht, welche Biersorte dann kommt. Und es wird unterwegs natürlich ein wenig schal werden. Aber hey, weil es dann überall gleich schmeckt, merkt ihr das gar nicht. Wir vor Ort blasen nur noch Schaum drauf. Wegen der Optik.“

Wir waren empört. Dass Verlage ihre Marken kaputt sparen und auf Traditionen pfeifen – geschenkt. Ältere erinnerten sich noch an die ruhmreiche stolze Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Die läuft dank Zentralredaktionen längst selbst in eigenen Texten nur noch als „Zeitung der Funke-Mediengruppe“. Viele gestandene Titel fristen ihre Identität inzwischen unter Begriffen wie Redaktionsnetzwerk. Die Neue Westfälische will gerade ihren Mantel wechseln und mit zwei anderen Blättern eine neue Zentralredaktion gründen. Burda will eine komplette Fernseh-Redaktion feuern und die Inhalte beim Konkurrenten Funke kaufen.

Inge schüttelte den Kopf: „Anfangs gab's noch Aufstände, denkt mal an Dortmund oder Münster. Inzwischen nehmen die Menschen leider Zombie-Zeitungen und Mogelpackungen hin. Aber für Bier? Ich denke, dafür gehen die noch massenhaft auf die Straße.“ Gerd stimmte zu: „Zombie-Kneipen sind 'ne blöde Idee! Wer fragt uns? Es heißt doch: Gebt den Konsumenten, was sie wollen.“

User first – bei den Medien ist das längst Pflicht. „Es gab Zeiten“, erinnerte sich Malte, „da haben Redaktionen bewusst genau das ausgewählt, von dem sie überzeugt waren, ihre Leser müssten das unbedingt wissen. Lebenshilfe, Information und Aufklärung.“ Wir wussten, dieser Anspruch schwindet. Heute sind oft Klicks die Chefredakteure. „Das Internet bietet ja jedem die Möglichkeit, nur noch die Nachrichten zu lesen, die ins eigene Weltbild passen“, dozierte Uwe. „Und genau darauf muss man reagieren, wenn man überleben will“.

Es gibt Redaktionen, erzählte er, die überprüfen mit viel digitalem Aufwand ständig, welche Themen wie oft angeklickt und wie lange gelesen wurden. Die Hitliste bestimmt dann das redaktionelle Angebot. Petra schnaubte: „Auch wenn es lauter Unsinn ist, was da gewünscht wird? Und Wichtiges gar keine Rolle mehr spielt? Was, wenn das Publikum Migranten-Beschimpfung will?“

Wir lehnten uns entspannt zurück. Ganz ohne Redaktionen und Journalisten, die aufpassen, wird es wohl auch künftig nicht gehen. Darauf bestellten wir beim Wirt unserer Wahl die nächste Runde. Frisch gezapft.

Mittwoch, 19. Juni 2019

Journalisten-Ethos: Flachratten, hemmungslos

Faktencheck im Medienhaus
Karikatur: Karlheinz Stannies
Als Paul an den Stammtisch schlurfte, hatten die meisten schon reichlich Vorsprung auf den Deckeln. „Sorry“, stöhnte er, „aber ihr wisst ja“. Jepp. Seine Redaktion war seit langem chronisch unterbesetzt. Und welcher Journalist schaltet schon den Computer aus, wenn noch nicht alles fertig ist? Das wussten leider auch die Chefs – und nutzten es hemmungslos aus.

„Für die“, giftete Paul. „sind wir nur Flachratten. Die wollen – wie bei Handy oder Netflix – nur pauschal möglichst wenig zahlen, aber wir sollen Flatrate malochen.“ Helga witzelte: „Das Sonderangebot für Medien-Manager – 1a Journalisten, zum Mini-Tarif, und zwar nicht nur im ersten Jahr, aber inklusive Print-Flatrate, Online-Flatrate, Zusatzaufgaben-Flatrate.“ Home-Office, nachts, Wochenende, Feiertage – wir warfen weitere Stichworte ein.

„Da gibt’s doch jetzt dieses EU-Urteil“, sagte Pia. „Arbeitszeiten müssen erfasst werden.“ Bei uns müssen bisher nur Überstunden dokumentiert werden. „Aber selbst daran“, brummte Karl, „halten sich Gutsherren nicht. Und wir? Lassen es uns gefallen. Wir haben eine Stechuhr-Phobie.“ Lieber kaputtmalochen als mehr Freizeit und Schutz vor Verfügbarkeit rund um die Uhr?

Das mit der Freizeit regelt sich sowieso bald, warf Jan ein. „Dauer-Online und ausgedünnte Redaktionen – das führt automatisch zu mehr Aufteilung in Schichten und kleinen Teams mit neuen Arbeitszeiten.“ Bei der Hamburger Morgenpost zum Beispiel will DuMont die Printler künftig erst nach dem Mittagessen sehen, dafür sollen sie bis in die Puppen bleiben. „Alle mindestens bis 21 Uhr, die Hälfte bis 23 Uhr.“ Wir sahen uns an: Schluss mit Kino, Theater, Abendessen mit der Familie. Unser Stammtisch müsste auf Frühschoppen umschulen.

„Sagt mal“, warf Inge ein, „hättet ihr das Strache-Video eigentlich auch veröffentlicht?“ Viele hatten ja ethische Bedenken, weil die Aufnahmen illegal entstanden waren. Wir grinsten die Kollegin breit an: „Einflussnahme per Zeitungskauf, versteckte Parteispenden, dafür zugeschanzte Aufträge. Natürlich hätten wir das Video auch gezeigt, so eine entlarvende Rechts-Schweinerei mussten alle Menschen wirklich sehen. Einen reinen Text hätten die Lügenpresse-Schreihälse doch nie ernst genommen.“

Wir konnten es nicht ausdiskutieren. Die ersten Onliner und Radioleute mussten schließlich im Morgengrauen wieder zur Arbeit.


Mittwoch, 17. April 2019

Facebook? Twitter? Journalisten-Plattform!

Professor Doktor (soviel Zeit muss sein) Frank Überall ist Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV, 35.000 Mitglieder). Der promovierte Sozialwissenschaftler ist zudem Professor an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (Köln, Berlin, Frankfurt/Main). Frank möchte, erstmal exklusiv bei Charly & Friends, eine Idee vorstellen, die ihm schon einige Zeit durch den Kopf geht: eine "Journalisten-Plattform" oder ein "DJV-Netz", auf dem - wie bei Facebook oder Twitter - munter diskutiert und veröffentlicht werden kann und auf das (nicht nur!) Öffentlich-Rechtliche aufspringen. Franks Gastbeitrag, proudly presented:

Regt eine Journalisten-Plattform an: DJV-Vorsitzender Frank Überall
Foto: Werner Siess HMKW
Von FRANK ÜBERALL

Diskutieren Sie mit uns weiter bei facebook“, heißt es nach der einen Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und bei der anderen wird dazu aufgefordert: „Folgen Sie uns bei twitter!“ Jan Böhmermann erschafft sogar jede Woche in seinem „Neo Magazin Royale“ einen kurzweiligen „Hashtag der Woche“, auf dass doch bitteschön alle folgsam sein mögen. Ein prima Modell – zumindest für die US-amerikanischen Unternehmen, die auf diese Weise kostenlose Reklame bekommen.

Und nicht nur das: Ihnen werden die Nutzerinnen und Nutzer zugetrieben, die – wenn es ganz schlimm kommt – zum Ursprungsprodukt „Öffentlich-Rechtliches Fernsehen“ gar nicht mehr zurückkommen.

Eigentlich müsste man jetzt eine eigene Plattform gründen. „DJV-Netz“ oder „Journalisten-Plattform“ zum Beispiel. Als genossenschaftliches Modell von Journalistinnen und Journalisten, mit Bezahlmodell für exklusive Stories.

Und wenn damit genug Nutzer registriert sind, würde es in die Verhandlungen mit ARD, ZDF und Deutschlandfunk gehen: Stichwort Gleichbehandlung. Es wäre doch schön, wenn „Tagesschau“, DLF-Nachrichten und Böhmermann dann auf unsere Plattform hinweisen würden bzw. müssten. Denn notfalls müsste man die mediale Reklame-Chancengleichheit eben einklagen.

Dass eine solche Konkurrenz-Beschwerde nicht vollends irrwitzig ist, sieht man an den früheren Auseinandersetzungen mit Hilfsorganisationen. Bei Katastrophenberichten wird gerne darauf hingewiesen, an wen man spenden kann, um die Not der Opfer zu lindern. Weil es immer unfair ist, eine einzelne Organisation zu empfehlen, haben sich diese zu Bündnissen zusammengetan.

Von mir aus können „DJV-Netz“, „Journalisten-Plattform“ oder wie auch immer ein solches Angebot heißen könnte, dann auch mit anderen Partnern ein Bündnis eingehen: Hauptsache, wir bekommen auch kostenlose Werbung bei den Rundfunkanstalten.

Dienstag, 16. April 2019

Express-Drehung

Erben am Werk
Karikatur: Karlheinz Stannies
„Erleben wir da gerade den Untergang einer Dynastie?“ fragte Bernie. Der Stammtisch ahnte sofort, wen er meinte: „Die DuMonts möchten nicht mehr Verleger spielen. Sie wollen ihre Regionalzeitungen verkaufen. Weil es sich nicht mehr lohnt.“ Claudia, stets kritisch, winkte ab: „Nee, die geben auf, weil sie keine Lösungen und Ideen haben.“ Egal wie, Köln ohne DuMont-Blätter, das ist wie Karneval ohne Kamelle. „Auf dem Melaten-Friedhof, wo der alte Patriarch Alfred Neven DuMont liegt, sollen deutliche Rotationsgeräusche zu hören sein“, schmunzelte Klaus. „Ist ja auch mit Express-Drehung“, kicherte Tanja.

„Meint ihr, jemand kauft heute noch Zeitungen?“ fragte Harry. Wir nippten am Getränk. Wogen auf der „Wirklichkeit der Märkte“, die die DuMont-Erben beschworen, die Rendite gegen das Gejammer ab. „Für kleines Geld, ja“, wagte Martina eine Prognose. „Das rechnet sich für einen Medienkonzern durch Synergie und Personalabbau.“ Zur Not braucht man ja heute gar keine Leute mehr, um eine Zeitung herauszubringen.

Der Geist der Westfälischen Rundschau wehte über den Stammtisch. Wir prosteten ihm zu. Und bestellten gleich die nächste Runde Kurze – wegen des neuesten Essener Kahlschlags. „Die Chefs da“, deklamierte Paul, „schaffen ein Umfeld, in dem unabhängiger und professioneller Regional- und Lokaljournalismus gedeihen kann.“ Hä? Er griente: „So steht es im Framing-Manual von Funke.“

Quatsch, Managersprech. Gilla vergewisserte sich: „Die wollen doch 300 Jobs abbauen?“ Ja, wieder mal. Jetzt überlegen sie, ob sie ihre Thüringer Zeitungen nur noch digital ausliefern. „Da kriegen Fischhändler aber Einwickelprobleme.“ Wir kicherten bitter. Schlechte Witze können wir. „Es ist ja auch ein Skandal, dass Zeitungsboten so viel verdienen – und Verleger so wenig. Die Boten saugen das Verlagswesen geradezu aus.“ Sarkasmus können wir auch.

Hat Lokaljournalismus – bei solchen Medien-Arbeitgebern – überhaupt noch eine Chance? Fragten wir uns oft. Zumindest nach jeder Umfrage, wonach lokale Nachrichten das sind, was die Menschen wollen. „Wir sollten uns gegen den Untergang wehren, mal untereinander was Neues ausprobieren“, meinte Andrea. Dieter zuckte mit den Schultern: „Was willste machen? Sonntagsdemos?“ Es wurde still am Stammtisch; und auf dem Melaten-Friedhof brummte weiter der Alfred.


Sonntag, 3. März 2019

Mit Edelfedern gekitzelt

User first … was denn sonst? Medien-Manager präsentieren ihren
Mitarbeitern stets die Rechnung dafür. Karikatur: Karlheinz Stannies
Jauch zog die Augenbraue hoch. „Sie wollen wirklich bei Antwort B bleiben?“ fragte er den Verlagsmanager. Die Frage lautete: Wie steigern Sie die Qualität eines Mediums? Und Möglichkeit B war: Durch Personalabbau. „Alle meine Kollegen sagen das immer wieder“, grinste der Kandidat. Noch nicht ahnend, dass er die 500-Euro-Frage versaut hatte.

„Umschalten“, riefen wir dem Wirt zu. Der zappte zum nächsten Sender und gab uns dann lieber gleich die Fernbedienung für den Fernseher oben in der Kneipenecke.

Zapp. Der Nachrichtenkanal informierte über den Klimawandel: „10 Fakten, die wirklich stimmen, ganz ehrlich, ungelogen, nicht ausgedacht“. Bettina brummte: „Überzeugender Titel.“ Wir giggelten. „Die müssen das wohl so betonen“, meinte Paula. „Heutzutage glaubt uns ja keiner mehr.“

Zapp. Im Dschungelcamp verriet Sonja gerade die nächste Aufgabe: Flottes Storytelling – und dabei wird der Kandidat mit Edelfedern gekitzelt und mit Preisen beworfen. In ihrem Gesicht spiegelte sich Vorfreude.

Hansi schnaubte: „Edelfedern!“ Schönschreiberei und Bilderbuch-Geschichten – ja das wird erwartet heutzutage. „Nur mit unserer sauberen Recherche und Erfahrung kommen wir nicht mehr weit“, brummte Bernd. „Und jeder redet uns ein, wir machen alles falsch,“ klagte Martin. „Was sollen wir denn noch tun, mit immer weniger Leuten und immer neuem Schnickschnack?“ Inzwischen heißt es ja: Nur der investigative Journalismus hat Zukunft. Jede Redaktion – egal wie winzig – sollte so arbeiten. Skandale aufdecken. Um den Kleinkram würde sich schon jemand kümmern. „Echt?“ Inge schnappte nach Luft: „Und wer füllt die lokalen Medien mit handwerklich ordentlichen Meldungen? Vor Ort, wo die Demokratie ihre Basis hat?“

Zapp. Auf dem Privatsender lief die Doku-Soap: Das lange Sterben von Print. „Die suchen noch Komparsen“, warf Laura ein. Martina erinnerte sich: „Ich habe da mal eine Folge gesehen. Mit diesem Redaktionsleiter, der immer seine Überzeugungen wechselte und dann trotzdem auch gefeuert wurde.“ Manni nickte: „Der war schon in anderen Dokus gut – zum Beispiel als schwuler Friseur.“ Wir wussten, auf Mannis Schreibtisch steht („nur wegen der Nachrichten“) ein Mini-Fernseher. Wir sahen ihn an. Sowas fällt ja wohl nur Vielguckern auf. Manni errötete.

Zzz. Die Fernbedienung wollte nicht mehr. Womöglich ist Technik doch schlauer als wir denken.


Samstag, 9. Februar 2019

Funke-Betriebsräte: Das war zynisch, Frau Becker

In Sonntagsreden der Medien-Oberen
werden Journalisten wertgeschätzt.
Tatsächlich sind sie für die Manager
einfach nur Kostenstellen.
Karikatur: Karlheinz Stannies
Die Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Mediengruppe - zynisch.
Die Manager - ohne Kreativität.
Für die Fehler der Chefetagen muss die Belegschaft den Kopf hinhalten - wieder einmal.

Die Betriebsräte von Funke in NRW sind entsetzt und tief enttäuscht. Wieder einmal knallen ihnen die Oberen der Mediengruppe ein Kahlschlag-Konzept um die Ohren, wieder einmal (wie 2009) müssen allein in NRW gleich rund 300 Stellen unter die WAZ- bzw. Funke-Axt. Bei Medienmoral NRW wurde die Stellungnahme der Betriebsräte veröffentlicht. Hier ist sie im Wortlaut:

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die Verlagsgeschäftsführung hat heute darüber informiert, dass sie aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation massive personelle Einschnitte vornehmen wird. Knapp 300 Stellen werden allein in NRW gestrichen. Dazu gehören nach unseren Informationen allein 120 Kolleginnen und Kollegen aus dem Anzeigenbereich, 40 Drucker (der Druckstandort Essen wird geschlossen), die Hälfte der bislang 46 Volos, zehn Mediengestalter, zwei Onliner sowie knapp 40 Redakteure. 14 davon sollen es bei der WAZ sein, 14,5 bei der WP sowie eine bislang noch nicht konkret benannte Zahl bei der NRZ. Auch bei den Sekretariaten aller NRW-Titel soll gespart werden. Noch ist unklar, wie viele Kolleginnen es treffen wird.

Dies stellt einmal mehr einen tiefen Einschnitt in unsere Belegschaften dar. Erinnerungen an 2008/2009 kommen hoch, als im Redaktionsbereich aller Titel 300 Stellen gestrichen wurden. Eine weitere Hiobsbotschaft erreichte die Kollegen der WP-Redaktion Warstein, die zum 28. Februar geschlossen wird. Geschlossen werden auch 21 der 26 Geschäftsstellen in NRW, was aus unserer Sicht einen riesigen Imageschaden in der Leserschaft anrichten und zudem in den Redaktionen zu erheblicher Mehrarbeit führen wird. Diese Entscheidung wurde in unserem Hause schon einmal gefällt – und der Verlag hat sie im Nachhinein bitter bereut und zurückgenommen.

Auf all diese Spar-, Schließungs- und Stellenstreichungs-Pläne haben wir als Betriebsräte mit Empörung und Unverständnis reagiert!

Wieder einmal muss die Belegschaft den Kopf für Managementfehler, die in den vergangenen Jahren gemacht wurden, hinhalten. Seit Jahren heißt die einzige Lösung des Verlags: Stellenabbau. Wir kritisieren, dass der Arbeitgeber jene Kreativität, die er uns tagtäglich abfordert (und auch bekommt), in seinen Unternehmens-Entscheidungen vermissen lässt. Auch deshalb verspüren Großteile der Belegschaft nun starke Vorbehalte gegenüber der neuen Strategie, ab sofort im Rahmen von „User First“ den Fokus völlig aufs Digitale zu richten. Ein positiver Effekt dieses neuen Konzeptes sollte es sein, die Redaktionen in ihrer Alltagsarbeit zu entlasten. Wir befürchten, dass dies mit den heute verkündeten Stellenstreichungen so gut wie unmöglich ist.

Für die Redaktionen

Donnerstag, 7. Februar 2019

Funke-Axt: "Dahinter steckt blinde Profitgier"

Erst absägen, dann Höchstleistungen verlangen -
die irre Welt der Verlagsmanager
Karikatur: Karlheinz Stannies


Qualvolle Erfahrungen seit mindestens einem Jahrzehnt! Die Betriebsräte der Funke Mediengruppe (Essen) kennen ihre Pappenheimer. Wieder einmal hat sich die Befürchtung der Belegschaftsvertretungen bewahrheitet, dass mit viel Managersprech und geschlungenen Wortgirlanden angekündigte Offensiven und Änderungen zumeist mit gewaltigen Sparrunden verbunden sind.

Heute verkündeten die Funke-Oberen, siehe hier, Einzelheiten zum Zukunftsprogramm Funke 2022. "Mehr als eine Restrukturierung", behaupten die Bosse und zielen auf "weiteres Wachstum".

Und so sieht das Wachstum zunächst einmal aus: Massenhafter Personalabbau, die Druckerei in Essen wird geschlossen, die Regional- und Lokalmedien sollen neu aufgestellt werden. Sprich: zehn Prozent der Redakteursstellen der NRW-Titel sollen wohl weg, wie man hört: bei WAZ und NRZ und Westfalenpost jeweils mehr als ein Dutzend. Die Lokalredaktion Warstein der Westfalenpost wird geschlossen, die Volontärsausbildung für ein Jahr unterbrochen.

In der Berliner Zentralredaktion sollen angeblich 22 von 94 Redakteursstellen in Gefahr sein. Planstellen gehen auch in Hamburg und Braunschweig verloren, auch Berliner und Thüringer Wochenblätter und Zeitungen müssen "bluten". Vertriebe, Anzeigen- und andere kaufmännische Bereiche sind ebenfalls "dran. Die Kostensenkung soll "Luft" bringen für Investitionen und gleichzeitig digitale Produkte nach vorn bringen und Print-Titel stabilisieren.

„Mehr denn je brauchen wir guten, verlässlichen Regional- und Lokaljournalismus. Wir dürfen uns aber nichts vormachen, seine Zukunft ist extrem gefährdet“, sagt Ove Saffe. Auf die Idee, dass gerade permanenter Umbau und vor allem hanebüchener Personalabbau extrem zukunftsgefährdend sind, kam der für das Zeitungsgeschäft verantwortliche Geschäftsführer leider nicht. 

"Weiterer Personalabbau keine Lösung"

Karikatur: Karlheinz Stannies
"Dahinter steckt blinde Profitgier", urteilt denn auch der DJV-NRW. Weiter heißt es in einer Mitteilung:

„... Um ihre Renditeziele zu erreichen, werden reihenweise Menschen auf die Straße gesetzt. Der Schein des Aufbruchs in Wertschätzung der Mitarbeiter durch die Geschäftsführung in der neuen Firmenzentrale in Essen trügt.“ Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes NRW (DJV-NRW) Frank Stach hat die Geschäftsführung der Funke Mediengruppe mit scharfen Worten für die heute bekannt gegebenen Abbaupläne kritisiert.


Das heute von der Funke Mediengruppe vorgelegte Sparprogramm

Freitag, 1. Februar 2019

Karriereplanung Journalismus

Karikatur: Karlheinz Stannies

Flimmern im Karton

„Typisch“, grunzte Bernd. „Riesig verpackt – und drinnen nur ’ne Winzigkeit.“ Neben ihm lag ein Berg aus Geschenkpapier, Schleifen und Kartons. In den Händen hielt er aber nur eine dünne Metall-Acht, wohl aus dem Hausnummern-Regal eines Baumarktes. Daran hing ein Zettel: Herzlichen Glückwunsch, vor genau 100 Jahren wurde der Acht-Stunden-Arbeitstag eingeführt. „Und wann wird der bei Journalisten eingeführt?“, stöhnte Marlies theatralisch. Alle lachten. Das nachweihnachtliche Schrott-Wichteln gehörte stets zu den Höhepunkten im Stammtisch-Jahr. Die mitgebrachten und dann verlosten kleinen Geschenke sorgten verlässlich für gute Laune.

Auch Jens hatte so einen Riesenkarton gezogen. „Noch so ein Verpackungsblender“, vermutete er, rupfte hastig die bunte Verpackung ab, ritzte den Karton auf – und drinnen war … nichts. „Luftnummer? Leere Versprechung? Dürfen Arbeitgeber denn hier mitwichteln?“, grinste Patricia.

Mit einem Pieps glomm am Kartonboden plötzlich ein kleines Licht auf. Und flimmernd poppten ein Kopf und ein Oberkörper auf, piekfein mit Schlips und Jacke, in den Händen ein paar Manuskriptseiten. „Gut-ten Tack! Ich albei-te dlei-mal acht Stunden, immel wiedel“, schnarrte der virtuelle Nachrichtensprecher. Manager liebten ihn: macht klaglos, was man will, wird nie müde, will kein Urlaubsgeld. „Und geht nicht in die Gewerkschaft“, kicherte Lisa.

War dieser Chinese Zhang unsere Zukunft? Tatsächlich zogen ständig mehr Roboter in unsere Redaktionen ein. „Die Financial Times“, berichtete Paul, „hat in die Schreibsoftware jetzt einen Bot eingebaut, der Dich warnt, wenn Du zu wenig Frauen zitierst.“ Gute Idee, um Expertinnen zu fördern und Leserinnen zu locken, aber wohin das wohl führen wird? Man könnte damit auch die Erwähnung von Parteien an ihr Wahlergebnis koppeln. Oder an die Vorlieben der Gutsherren.

Rüdiger streifte das Glitzerband ab und öffnete seinen Umschlag. Ihr Gewinn: ein Fortbildungsseminar*. Prima, das hatte er sich schon lange gewünscht. Ohne Weiterbildung kann man heute gar nicht mehr mithalten. Oder zeigen, was man wirklich kann. Die Medienhäuser ließen bei der Nachwuchsförderung viele Chancen liegen. Rüdiger, misstrauisch wie immer, suchte nach der Erklärung zum Sternchen. Da war sie, ganz kleingedruckt. Petra aktivierte die Lupe-App am Handy: Natürlich nur, wenn Ihr Vorgesetzter nicht wieder nein sagt. Ach, Mist.


Freitag, 4. Januar 2019

Zeitungsfusion: Wie billig wird jetzt Bielefeld?

Medienvielfalt - sieht wohl bald so aus
Karikatur: Karlheinz Stannies
Das neue Medienjahr, die nächste Fusion - und damit die nächste Sorge um Arbeitsplätze, um Tariftreue und um die Medienvielfalt in Nordrhein-Westfalen: Aschendorff (Westfälische Nachrichten, Münster) will sich das Westfalen-Blatt (Bielefeld) schnappen. Die neue Westfälische Medienholding braucht  noch den Segen des Kartellamts. Hier die aktuelle Pressemitteilung des Deutschen Journalisten-Verbands NRW:

„Wir machen uns Sorgen um den dauerhaften Erhalt der Arbeitsplätze und die Tariftreue in Westfalen“, kommentiert Frank Stach, NRW-Landesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, die aktuelle Fusionsankündigung von Unternehmensgruppe Aschendorff und Westfalen-Blatt.

De facto sei die Gründung einer gemeinsamen Medienholding die endgültige Übernahme des Bielefelder Westfalen-Blattes durch die münstersche Aschendorff -Gruppe, so Stach weiter: „Wir appellieren dringend an Aschendorff und deren Inhaber-Familie Hüffer, nicht die Billigpraxis aus Münster ohne tarifliche Bezahlung und Arbeitsschutz für Bielefeld zu übernehmen. Außerdem setzen wir darauf, dass diese Fusion nicht zum Abbau von Arbeitsplätzen an einem der beiden Standorte führt. Ein Zusammenlegen der Mantelredaktionen wäre zudem ein weiterer Schlag für die Medienvielfalt in Nordrhein-Westfalen.“

Die Aschendorff -Gruppe ist unter anderem Herausgeber der Westfälischen Nachrichten und hatte 2014 bereits die Münstersche Zeitung übernommen, die ihren Lokalteil seitdem vom ehemaligen Konkurrenten Westfälische Nachrichten bekommt. Seit 2015 wird die überwiegende Mehrheit der Redakteur*innen der Westfälischen Nachrichten in Münster nicht mehr nach Tarif bezahlt. Eine Vereinbarung zum Kündigungs-Schutz ist zudem zum Jahresende 2018 ausgelaufen.

An der neuen Westfälischen Medien Holding AG wird Aschendorff nach eigenen Angaben 76,9 Prozent halten, die Bielefelder Busse-Holding übernimmt 20,09 Prozent. Die restlichen 3,41 Prozent hält die Verlagsgruppe Dirk Ippen über den in Hamm erscheinenden Westfälischen Anzeiger. Der Deal steht unter Vorbehalt der Zustimmung des Kartellamtes.

Seit 2011 ist Aschendorff übrigens auch an der das Westfalen-Blatt herausgebenden C.W. Busse Holding mit 20,09 % beteiligt. Diese Beteiligung bleibt auch im neuen Konstrukt erhalten. Bereits 2012 hatte man verkündet, eine endgültige Übernahme anzustreben.

"Mit dem Konstrukt entsteht ein neuer Medienkonzern. Dem muss auch bei der Mitbestimmung Rechnung getragen werden“, mahnt Stach zudem einen Konzernbetriebsrat für die Westfälische Medien Holding AG an. Das Westfalen-Blatt samt Lokalausgaben hat nach eigenen Angaben eine Druckauflage von 114.000. Die Westfälischen Nachrichten kommen mit Lokalausgaben und "Münsterscher Zeitung" auf 202.000.


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Lesen Sie dazu auch, was Journalist und Digital-Experte Christian Jakubetz in seinem Blog schreibt: Westfalen-Blatt: Eine Mustergeschichte für Zeitungen in 2019. Er zeichnet ein düsteres Bild...