Donnerstag, 28. Juni 2018

Künstliche Dummheit

Siri & Co, versehentlich noch im Übersetzungsmodus
Karikatur: Karlheinz Stannies
„Cortana, mach' endlich hin“, drängelte Alexa, „die nächsten Kurznachrichten müssen raus. Die ersten fragen schon nach“. Cortana schnippte: „Spiel' Dich nicht so auf. Das Wetter ist längst abrufbar. Und die Nachrichten-Aufhänger sind doch sowieso dieselben wie die von Siri“. Alexa grummelte. „Aber denk' dran, wenn Du die Online-Teaser vorliest: Da muss ein Hauch von Nachricht drin sein – nicht nur Neugier-Macher.“ Keine Frage, künstliche Intelligenz hatte längst Einzug gehalten in die Redaktionen. Und beileibe nicht nur bei der Steuerung der Kaffeeautomaten.

Siri hatte den kleinen Zicken-Streit gar nicht mitgekriegt. Sie quatschte wieder mal mit dem Google-Kollegen. Auf ihren Horchposten bekamen Sprach-Gesteuerte halt viel mit. „Journalisten sollten den Leser ernst nehmen. Hat er gesagt“, sprudelte es aus Siri hervor. „Wen denn sonst? Ihre Verleger etwa?“, alberte der Okay-Assistent. „Von wem stammt denn die Plattitüde?“ Er guggelte mal eben: „Vom neuen Digital-Chef der Berliner Funke-Zentralredaktion.“ Ist das der, der die Berliner Morgenpost leitete? Ja. Der da knapp die Hälfte der Verkaufsauflage verlor? Ja. Okay, so etwas muss man ernst nehmen.

„Alexa“, gab jemand aus Bonn das Stichwort, „spiel' mir das Lied vom Tod“. Alexa morriconte sofort los, tüdel-lüdel-lüüü, und Cortana flüsterte den anderen zu: „Da fürchtet wohl einer um Jobs beim General-Anzeiger. Die Rheinische Post schluckt das Blatt jetzt“. Siri sinnierte: „Der Auftrag hätte genauso aus Aachen kommen können. Da werden nun auch noch die Stadtredaktionen der beiden Zeitungen zusammengelegt.“ Googles Helferlein nickte: „Aachen ist zur Zeit Spitzenreiter bei der Suche nach dem Begriff Mogelpackung.“

„Upps“, zuckte Alexa zusammen: „Ich habe gerade viele Aufträge gekriegt, die privaten Kühlschränke aufzufüllen. Gehen die Streiks bei den Zeitungen etwa weiter?“ Die Verleger hatten sich ja monatelang geweigert, nach endlosen Dürre-Jahren endlich mal eine angemessene Gehalts- und Honorarerhöhung zu bezahlen. Wertschätzung sieht völlig anders aus. „Experten wie Horst Röper sehen schwarz“, sagte Alexa. Verleger seien keine Verleger mehr, sondern nur noch Kaufleute. „Siri“, fragte Cortana, „haben wir einen Durchbruch bei der Entwicklung Künstlicher Dummheit verpasst?“


Freitag, 22. Juni 2018

Ehrenamt vom Feinsten ... und ehrlich, macht Spaß

Macht (auch) Spaß: das Ehrenamt im DJV NRW. Hier Mitglieder der neu
gewählten Fachausschüsse für Betriebsarbeit und für Tageszeitungen.
Foto: Karlheinz Stannies

Es ist gar nicht mal so, dass es ohne Ehrenamt nicht ginge - zum Beispiel in so einer kleinen Gewerkschaft wie dem Deutschen Journalisten-Verband, insbesondere dem Landesverband NRW. Ohne die Mithilfe der Mitglieder würde im Prinzip zunächst einmal vieles, also Angebot und Service, vor allem teurer. Aber eben auch kühler, geschäftsmäßiger. So wie bei einer Versicherung. Von der hörst und siehst Du nichts. Karteileiche mit Beitragsabbuchung. Du forderst nur dann vertragsgemäße Hilfe an, wenn was ist. Und hoffst, dass dies im Kleingedruckten nicht ausgeschlossen ist.

Ganz anders ist es, wenn sich die Mitglieder, in diesem Fall Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen eines bestimmten Berufsstandes, mit in die Aufgaben und die Arbeit einbringen. Sich freiwillig eben nicht nur eigenbrötlerisch für sich, sondern auch solidarisch für andere engagieren, mit ihren Ideen und Erfahrungen. Freizeit und Gehirnschmalz opfern. Dann hat das einfach eine andere Qualität, wirkt das echt und authentisch. Die Leute, die die "Politik" des Ladens bestimmen, kennen sich halt aus.

Ein ganzes Berufsleben und länger bin ich schon im DJV - und finde diese Mischung immer noch goldrichtig: Kleine Hauptamtler-Mannschaft und ganz viele Ehrenamtler, die - vom Ortsverein bis zum Fachausschuss, vom Vorstand bis zum Delegierten für die Bundesebene - den Job der Gewerkschaft erledigen. Und das klappt und macht sogar Spaß. Obwohl Journalistinnen und Journalisten ja gerne auch Individualisten und Chaoten sind...

Mittwoch, 20. Juni 2018

Ach, Mensch, der Berndt ist tot

Berndt, so wie er sich selbst zeichnete.
Von Merkel bis Trump, vom Papst bis zu den Terroristen: Vor Berndt A.Skott und seinem treffenden Zeichenstift war keiner sicher. Wofür selbst begnadete Schreiber ellenlange Kommentare brauchen, erklärte er den Leserinnen und Lesern in wenigen Strichen. Knallhart und leicht verständlich.

Dieser "Künstler" unter den - jawohl! - Journalisten ist nun nach längerer Krankheit gestorben, mit 75. Er gehörte zweifellos zu den allerbesten Karikaturisten des Landes - und war zudem einfach ein netter Kerl. (Wovon ich mich mehrfach, bei ihm zu Hause oder beim Chinesen, überzeugen durfte.)

Vor fünf Jahren, zum Siebzigsten, gab es in der Düsseldorfer fiftyfifty-Galerie eine Ausstellung zu seinem Lebenswerk. Und dort hängte er seinen Wahlspruch an die Wand: "Wenn es um Karikatur geht, bin ich zu fast jeder Schandtat bereit."

Stimmt. Für den Deutschen Journalisten-Verband NRW zum Beispiel, dessen Mitglied er seit vielen Jahren war, hat er sogar "schau-gezeichnet". Bei einem Gewerkschaftstag (2013 in Düsseldorf), bei dem sich viel ums Zeitungssterben drehte, nahm Berndt (gemeinsam mit seinem jungen Kollegen Heiko Sakurai, Köln) gern an einer Aktion teil: Wir durften miterleben, wie ihre Werke entstanden - Karikaturen zu "unserem" Thema.



Berndt zeichnete damals vor unser aller Augen einen skelettierten Goldesel (Redaktion), dem ein entsetzter Geldeintreiber sogar mit Hilfe einer Taschenlampe in den knochigen Allerwertesten schaut, aber: Da kommt nix mehr. Gleichzeitig versucht ein anderer Geschäftsführer, den ausgeplünderten Esel mit einer billigen Möhre zu locken - und die hängt an einem Rotstift. Zeitungssterben. Herrlich auf den Punkt gebracht.


Foto: Karlheinz Stannies
Und wieso war die Ausstellung  in der fiftyfifty-Galerie? Fiftyfifty ist die Obachlosenhilfe-Initiative in Düsseldorf. Berndt A. Skott unterstützte sie seit Jahren. Er zeichnete kostenlos für das Straßenmagazin fiftyfifty - wie auch für die Obdachlosen-Zeitungen Bodo (Dortmund) und Trott-war (Stuttgart). In der Düsseldorfer fiftyfifty-Galerie bieten die tollsten Künstler ihre Werke zum Kauf an, freitags sogar per Auktion. Werke, die sie gestiftet haben. Der Erlös geht an die Obdachlosenhilfe. Auch Skott spendierte Zeichnungen.

Berndt war auch Initiator und Mitherausgeber von "Deutschkunde - Karikaturen gegen rechte Gewalt" (im Verlag der fiftyfifty-Edition, 17 Euro im fiftyfifty-Shop). Skott wollte ein Zeichen setzen gegen Rechtsextremismus und bat seine Kolleginnen und Kollegen um Unterstützung. Alle machten mit. So entstanden Karikaturenbände - und eine Wanderausstellung in dreifacher Ausfertigung, die Schulen kostenfrei für Unterrichtsprojekte anfordern können (Details hier).

Übrigens: Als Karikaturist war Skott ein Spätzünder. Der gebürtige Ostpreuße bekritzelte zwar schon in frühester Jugend jeden Papierfetzen, wie er in seiner Vita zugab. Aber die erste Karikatur verkaufte der Autodidakt tatsächlich erst 1991. Vorher war er Maurer, Kaminbauer, Werbeleiter, Kleinverleger, Interieur-Designer.

Jetzt hat er den Stift weggelegt. Aber zeichnet bestimmt weiter. R.I.P.


Alle Karikaturen: Berndt A. Skott

Donnerstag, 26. April 2018

Beeindruckend: Das Manifest der Jungen

Die Streiks gehen weiter. Foto: Karlheinz Stannies
Das weiß doch jede Omma, die Vier gehört vors Komma! Trotz solcher Gesänge und Menschenketten, trotz Demos mit Musik und kreativer Aktionen: Die Tarifrunde bei den Tageszeitungen zieht sich, die Medienmanager legten erneut einfach kein annehmbares Angebot vor. Volkmar Kah vom DJV-Landesverband NRW wirft den Verlegern mangelnde Wertschätzung vor - und warnt sie vor den Zukunftsfolgen. Die Verhandlungen wurden erstmal unterbrochen, die Warnstreiks in mehreren Bundesländern verlängert, hier in NRW um vier Tage, also zunächst bis Sonntag, siehe hier.

Klar ist, es geht nicht nur ums Geld. Es geht um viel mehr: um die Zukunft des Berufs, um Chancen für den Nachwuchs. Dies versuchten während der Verhandlungsrunde am Mittwoch einige junge Kolleginnen und Kollegen, den Verleger-Vertretern hautnah deutlich zu machen. Sie sagten ihnen mal, wie es wirklich aussieht in der Branche und den Läden, die sie repräsentieren. Ich dokumentiere hier sehr gerne das beeindruckende "Manifest", das der DJV in einer Tarifinfo verbreitete.

Manifest der Jungen


Sehr geehrte Damen und Herren, werte Verlegerinnen und Verleger,

vielen Dank, dass wir heute die Gelegenheit haben, persönlich mit Ihnen zu sprechen. Wir sind hier als Delegation von jungen Journalistinnen und Journalisten aus Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Wir sind hier, um Ihnen zu verdeutlichen, warum wir überproportional mehr Gehalt im neuen Gehaltstarifvertrag fordern.

Seit wir die ersten Praktika im Journalismus gemacht haben, wurden wir vor unserem Job gewarnt. „Die Zukunft ist ungewiss“, hieß es immer, oder „Davon kann man als junger Mensch kaum leben.“ Uns wurde schon immer klargemacht, dass es extrem schwer sein wird, im Journalismus einen Job zu finden, der finanzielle Sicherheit und eine Perspektive fürs Leben bietet.

Wir sind trotzdem hier: Wir sind Journalistinnen und Journalisten geworden. Was wir heute machen, ist viel mehr als Zeitung. Wir schreiben Artikel, bauen Online-Grafiken und Multimediareportagen oder machen Live-Blogs. Wir schreiben Sonderbeilagen und Themenserien. Oder wir drehen Videos und machen Podcasts.

Und das sicher nicht, weil wir reich werden wollen. Denn der Weg in den Journalismus war hart. Als freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wir mit Zeilensätzen von 10 Cent angefangen. Neben dem Studium haben wir viele unbezahlte Praktika gemacht und dann im Volontariat trotzdem nochmal zwei Jahre lang im Schnitt von 1500 Euro netto gelebt – und das bei stetig steigenden Lebenshaltungskosten. Trotz dieser langen Ausbildung sind viele Einstiegsstellen befristet.

Wir machen Überstunden, Spät- und Wochenenddienste und schicken Artikel mal eben von unterwegs rein. Wir feilen in unserer Freizeit an Konzeptideen und Kamera-Skills und gehen am Wochenende auf Weiterbildungsseminare. Die Anforderungen steigen, die Gehälter nicht. Wir sind in den Journalismus gegangen, weil wir an ihn glauben und dafür arbeiten wollen, dass er eine Zukunft hat. Man könnte sagen, es ist Leidenschaft.

Nur: Irgendwann reicht auch die größte Leidenschaft nicht mehr aus. Wenn wir keine Jobsicherheit haben, wenn wir keine Freiräume für eigene Ideen bekommen, wenn wir von Sparrunden bedroht sind und vor allem: Wenn unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wird, auch in Form von Geld, dann gehen wir.

Bei jeder Umstrukturierung heißt es, dass die Zeitung digitaler werden und junge Menschen für sich gewinnen muss. Gleichzeitig wird der Beruf des Journalisten immer unattraktiver. Doch gerade wir als Digital Natives werden gebraucht.

Viele Leistungen haben Sie uns nach 2014 gekürzt.