Freitag, 4. Januar 2019

Zeitungsfusion: Wie billig wird jetzt Bielefeld?

Medienvielfalt - sieht wohl bald so aus
Karikatur: Karlheinz Stannies
Das neue Medienjahr, die nächste Fusion - und damit die nächste Sorge um Arbeitsplätze, um Tariftreue und um die Medienvielfalt in Nordrhein-Westfalen: Aschendorff (Westfälische Nachrichten, Münster) will sich das Westfalen-Blatt (Bielefeld) schnappen. Die neue Westfälische Medienholding braucht  noch den Segen des Kartellamts. Hier die aktuelle Pressemitteilung des Deutschen Journalisten-Verbands NRW:

„Wir machen uns Sorgen um den dauerhaften Erhalt der Arbeitsplätze und die Tariftreue in Westfalen“, kommentiert Frank Stach, NRW-Landesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, die aktuelle Fusionsankündigung von Unternehmensgruppe Aschendorff und Westfalen-Blatt.

De facto sei die Gründung einer gemeinsamen Medienholding die endgültige Übernahme des Bielefelder Westfalen-Blattes durch die münstersche Aschendorff -Gruppe, so Stach weiter: „Wir appellieren dringend an Aschendorff und deren Inhaber-Familie Hüffer, nicht die Billigpraxis aus Münster ohne tarifliche Bezahlung und Arbeitsschutz für Bielefeld zu übernehmen. Außerdem setzen wir darauf, dass diese Fusion nicht zum Abbau von Arbeitsplätzen an einem der beiden Standorte führt. Ein Zusammenlegen der Mantelredaktionen wäre zudem ein weiterer Schlag für die Medienvielfalt in Nordrhein-Westfalen.“

Die Aschendorff -Gruppe ist unter anderem Herausgeber der Westfälischen Nachrichten und hatte 2014 bereits die Münstersche Zeitung übernommen, die ihren Lokalteil seitdem vom ehemaligen Konkurrenten Westfälische Nachrichten bekommt. Seit 2015 wird die überwiegende Mehrheit der Redakteur*innen der Westfälischen Nachrichten in Münster nicht mehr nach Tarif bezahlt. Eine Vereinbarung zum Kündigungs-Schutz ist zudem zum Jahresende 2018 ausgelaufen.

An der neuen Westfälischen Medien Holding AG wird Aschendorff nach eigenen Angaben 76,9 Prozent halten, die Bielefelder Busse-Holding übernimmt 20,09 Prozent. Die restlichen 3,41 Prozent hält die Verlagsgruppe Dirk Ippen über den in Hamm erscheinenden Westfälischen Anzeiger. Der Deal steht unter Vorbehalt der Zustimmung des Kartellamtes.

Seit 2011 ist Aschendorff übrigens auch an der das Westfalen-Blatt herausgebenden C.W. Busse Holding mit 20,09 % beteiligt. Diese Beteiligung bleibt auch im neuen Konstrukt erhalten. Bereits 2012 hatte man verkündet, eine endgültige Übernahme anzustreben.

"Mit dem Konstrukt entsteht ein neuer Medienkonzern. Dem muss auch bei der Mitbestimmung Rechnung getragen werden“, mahnt Stach zudem einen Konzernbetriebsrat für die Westfälische Medien Holding AG an. Das Westfalen-Blatt samt Lokalausgaben hat nach eigenen Angaben eine Druckauflage von 114.000. Die Westfälischen Nachrichten kommen mit Lokalausgaben und "Münsterscher Zeitung" auf 202.000.


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Lesen Sie dazu auch, was Journalist und Digital-Experte Christian Jakubetz in seinem Blog schreibt: Westfalen-Blatt: Eine Mustergeschichte für Zeitungen in 2019. Er zeichnet ein düsteres Bild...



Freitag, 14. Dezember 2018

Bisschen überspitzt: Schwingt WAZ wieder die Axt?

"Redakteurinnen und Redakteure sind keine Faulenzer",
stellt der DJV-Landesvorstand klar. Foto: Beate Krämer, DJV
Ist dieser neue Geschäftsführer einfach "nur" weltfremd und lebt in der Vergangenheit? Oder baut er bewusst auf provokante und beleidigende Thesen, weil wieder einmal harte Einschnitte drohen? Neu wäre das nicht für die Funke Mediengruppe. Womöglich wird die WAZ-Axt erneut geschwungen, zum x-ten Mal, fürchten Betriebsräte und Gewerkschaft.

In einem Video-Interview mit dem Branchenmagazin "werben&verkaufen" hat der bei der Essener Funke Mediengruppe für Zeitschriften und das Digitale zuständige Geschäftsführer Andreas Schoo die Zeitungsjournalisten als ziemlich faule Langschläfer beschrieben. Sie kämen so gegen 10 Uhr an, schwadroniert er, tränken dann vielleicht Kaffee, und erst nach der ersten Konferenz, um 12 Uhr, werde der Tag angegangen.

Die Betriebsräte meinen, er solle sich mal den
Redaktionsalltag ansehen: Andreas Schoo (Foto: Funke)
Aus welcher Mottenkiste hat der Herr Schoo denn diese Vorstellung vom Arbeitsablauf in einer heutigen Tageszeitungsredaktion hervorgekramt? "Bisschen überspitzt", fügte er eilig hinzu, als der Interviewer einhaken wollte. Sehen viele Medienmanager so ihre Redaktionen? Ich fürchte, ja.

"User first" müsse es künftig heißen, Abläufe müssten als Reaktion auf die Umbrüche bei den Medien auf den Kopf gestellt werden, sagte Schoo in dem Video-Interview. Sein Modell: Redaktionen müssen um 6 Uhr anfangen, den ganzen Tag publizieren, im Zwei-Schicht-Betrieb. Er meint: Das führt in den Redaktionen zu Euphorie. "Das müssen wir sehr kompromisslos angehen."

"Redakteurinnen und Redakteure als kaffeetrinkende Faulenzer hinzustellen - das geht gar nicht", schimpfte der Landesvorstand des DJV NRW. „Wir haben gehofft, dieser verächtliche Umgang der Funke Mediengruppe mit ihren Beschäftigten sei endlich Geschichte“, erklärte Landesvorsitzender Frank Stach. Seine Befürchtung: In der Vergangenheit hätten verschiedene Geschäftsführer mit ähnlich herablassenden Interviews tiefgreifende Einschnitte im Haus vorbereitet.

Der DJV NRW sei auch aktuell wieder besorgt wegen kursierender Gerüchte über erneute Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen bei Funke. "Ein weiterer Personalabbau wäre mit dem Anspruch journalistischer Qualität aber nicht mehr vereinbar und würde die Zukunft der betroffenen Tageszeitungen gefährden“, so Frank Stach. „Kurz gesagt: die Leserinnen und Leser binden und neue gewinnen ist mit noch weniger Leuten schlicht nicht mehr möglich."

Auch die Betriebsräte von WAZ, NRZ, WP sowie Funke Sport und Funke Online reagierten stinksauer, beklagten in einem Offenen Brief u.a. Arbeitsverdichtung, Überstunden, zu Teil gesundheitsgefährdende Belastungen. Ihre Frage: "Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Redaktion?" Und von wegen Euphorie! Eher gehe die Angst um, dass auch "User first"-Umstrukturierungen erneut eigentlich nur verkappte Sparmodelle sind. Hier der Text im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Schoo,
wir haben Ihre „überspitzt“ formulierte Video-Botschaft mit Befremden und Enttäuschung zur Kenntnis genommen. Tageszeitungsredakteure kommen also erst um 10 Uhr, trinken zwei Stunden Kaffee bis zur ersten Konferenz und gehen dann den Tag an. Wie kommen Sie eigentlich zu dieser Erkenntnis? Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Lokalredaktion oder überhaupt in einer Zeitungsredaktion, die tagesaktuell produziert?
Schon jetzt bereiten wir abends Themen und Artikel für den nächsten Tag vor, weil der Arbeitsaufwand anders gar nicht mehr zu stemmen wäre. Wir wissen längst, dass wir als Tageszeitung kein Nachrichtenmonopol mehr haben. Gerade deshalb haben wir Konkurrenzmedien und Social Media zusätzlich im Blick. Wir stellen online, posten Facebook-Beiträge und sind bereits jetzt schon im Dialog mit den Lesern auf allen verfügbaren Kanälen.
Wir sehen User first als Perspektive und als Mittel, durch mehr digitale Abos die Verluste der Printausgaben zu stützen. Wir stellen uns dieser neuen Herausforderung, so wie wir es in den letzten zehn Jahren immer gemacht haben. Und das, obwohl die Redaktionen kontinuierlich personell ausgedünnt wurden und immer mehr Aufgaben dazu bekommen haben. Die Folge: Arbeitsverdichtung, Überstunden, steigende, zum Teil gesundheitsgefährdende Belastungen.
Von Euphorie in den Redaktionen kann keine Rede sein. Die könnte vielleicht entstehen, wenn wir nicht ständig in der Angst leben müssten, dass User first nicht doch ein Sparmodell ist und es eigentlich darum geht, noch weniger Menschen noch mehr Qualität abzuverlangen.
Wir laden Sie gern ein, unseren Arbeitsalltag einmal live vor Ort mit zu erleben.

Samstag, 10. November 2018

Königsdisziplin Lokales (I)

Karikatur: Karlheinz Stannies

Das Lokale ist die Königsdisziplin im Journalismus. Ein Spruch, den man nicht nur in Sonntagsreden hört. Und er ist sicher richtig, trotz aller Desks und Zentralredaktionen. Beim Wühlen im Keller fand ich kürzlich diese Bilderfolge und ein paar andere zum Thema Lokalredaktion. Sie entstanden im Jahr 1977... (Jesses, wie lange ich schon zu zeichnen versuche!)


Leistungsschutz: Chapeau und Schampus

In der eleganten Lounge des Luxushotels ließen die Verleger stundenlang die Korken knallen. „Ja, das mit dem Leistungsschutzrecht für Verlage haben unsere Lobbyisten, diese Teufelskerle, nun auch in Europa prima hingekriegt“, sprudelte der Präsident über. „Chapeau“, verneigte sich ein begeisterter Bayer theatralisch. „Schampus, mehr Schampus“, orderte ein Oberfranke.

Nur an wenigen nagten Zweifel. „Was ist, wenn Google uns – wie angedroht – einfach nicht mehr listet in den Nachrichten-Zusammenstellungen? Dann zahlen die nix und unsere ganze Reichweite im Netz geht flöten“, wagte einer zu fragen. „Das mit den Kostenlos-Lizenzen, wie wir sie Google hier in Deutschland einräumen mussten, können wir schließlich nicht überall und ewig machen.“

Der Präsident winkte ab. „Ruhig Blut“, sagte er. „Nächstes Jahr sind wichtige Europawahlen. Vorher fressen uns die Politiker aus den Händen. Wenn Google zickt, lassen wir sie einfach beschließen, dass uns Google zwangsweise auflisten muss. Natürlich bezahlt. Weil Zeitungen systemrelevant sind.“

Au ja, relevant. Das Zauberwort ließ die Euphorie wie eine La-Ola-Welle durch den Raum schwappen. „Re-le-vant, re-le-vant“ – die ganze Verleger-Gesellschaft zog skandierend um Tische und Stühle, schwenke dicke Flaschen und schlanke Gläser. Hatte der Bundeswirtschaftsminister ihnen beim Zeitungskongress nicht gerade versprochen: Wir tun alles für Euer Überleben in schwierigen Zeiten?

„Hauptsache, das Geld fließt in Strömen“, wünschten sich die Kölschen. Sie brauchten gerade 16 Milliönchen für das Kartellamt. Wegen früherer Gebietsabsprachen. Dem Verleger-Klüngel waren damals sogar Lokalredaktionen zum Opfer gefallen. Die Revierfürsten stichelten gegen die rheinischen Gutsherren: „Jungs, Geheimverträge in der Schweiz, Behörden und sogar Gerichte ausgetrickst – da hatten Eure damaligen Honoratioren aber ganz schön kriminelle Energie.“ Sie hatten gut spotten. Sie waren nie erwischt worden.

Aber man hielt ja zusammen. Die Revierfürsten machten den Kölschen Mut: „Da ist bei euch mal eine Absprache aufgekippt – ist doch kein Grund zum Jammern. So was spart man doch mit neuen Gesellschaften und Zentralredaktionen locker wieder raus.“ Wie aufs Stichwort riefen die Hannoveraner rüber: „Hey! Trinken wir noch einen Madsacker? Auf die Berliner?“