Dienstag, 20. August 2019

Zombie-Kneipen, zentral gezapft

MUSEUM OF MODERN MEDIA, immer dieselbe Frage.
Karikatur: Karlheinz Stannies
„Wir werden bald zentralisieren“, schockte der Wirt unseren Stammtisch. „Wir wollen uns mit anderen Lokalen zusammentun“, sagte er. Wegen des Kneipensterbens. „Das Bier für alle kommt künftig zentral gezapft vom Dorfkrug“. Wir schauten ihn groß an; der ist doch drei Stadtteile entfernt. „Okay, wir wissen noch nicht, welche Biersorte dann kommt. Und es wird unterwegs natürlich ein wenig schal werden. Aber hey, weil es dann überall gleich schmeckt, merkt ihr das gar nicht. Wir vor Ort blasen nur noch Schaum drauf. Wegen der Optik.“

Wir waren empört. Dass Verlage ihre Marken kaputt sparen und auf Traditionen pfeifen – geschenkt. Ältere erinnerten sich noch an die ruhmreiche stolze Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Die läuft dank Zentralredaktionen längst selbst in eigenen Texten nur noch als „Zeitung der Funke-Mediengruppe“. Viele gestandene Titel fristen ihre Identität inzwischen unter Begriffen wie Redaktionsnetzwerk. Die Neue Westfälische will gerade ihren Mantel wechseln und mit zwei anderen Blättern eine neue Zentralredaktion gründen. Burda will eine komplette Fernseh-Redaktion feuern und die Inhalte beim Konkurrenten Funke kaufen.

Inge schüttelte den Kopf: „Anfangs gab's noch Aufstände, denkt mal an Dortmund oder Münster. Inzwischen nehmen die Menschen leider Zombie-Zeitungen und Mogelpackungen hin. Aber für Bier? Ich denke, dafür gehen die noch massenhaft auf die Straße.“ Gerd stimmte zu: „Zombie-Kneipen sind 'ne blöde Idee! Wer fragt uns? Es heißt doch: Gebt den Konsumenten, was sie wollen.“

User first – bei den Medien ist das längst Pflicht. „Es gab Zeiten“, erinnerte sich Malte, „da haben Redaktionen bewusst genau das ausgewählt, von dem sie überzeugt waren, ihre Leser müssten das unbedingt wissen. Lebenshilfe, Information und Aufklärung.“ Wir wussten, dieser Anspruch schwindet. Heute sind oft Klicks die Chefredakteure. „Das Internet bietet ja jedem die Möglichkeit, nur noch die Nachrichten zu lesen, die ins eigene Weltbild passen“, dozierte Uwe. „Und genau darauf muss man reagieren, wenn man überleben will“.

Es gibt Redaktionen, erzählte er, die überprüfen mit viel digitalem Aufwand ständig, welche Themen wie oft angeklickt und wie lange gelesen wurden. Die Hitliste bestimmt dann das redaktionelle Angebot. Petra schnaubte: „Auch wenn es lauter Unsinn ist, was da gewünscht wird? Und Wichtiges gar keine Rolle mehr spielt? Was, wenn das Publikum Migranten-Beschimpfung will?“

Wir lehnten uns entspannt zurück. Ganz ohne Redaktionen und Journalisten, die aufpassen, wird es wohl auch künftig nicht gehen. Darauf bestellten wir beim Wirt unserer Wahl die nächste Runde. Frisch gezapft.

Mittwoch, 19. Juni 2019

Journalisten-Ethos: Flachratten, hemmungslos

Faktencheck im Medienhaus
Karikatur: Karlheinz Stannies
Als Paul an den Stammtisch schlurfte, hatten die meisten schon reichlich Vorsprung auf den Deckeln. „Sorry“, stöhnte er, „aber ihr wisst ja“. Jepp. Seine Redaktion war seit langem chronisch unterbesetzt. Und welcher Journalist schaltet schon den Computer aus, wenn noch nicht alles fertig ist? Das wussten leider auch die Chefs – und nutzten es hemmungslos aus.

„Für die“, giftete Paul. „sind wir nur Flachratten. Die wollen – wie bei Handy oder Netflix – nur pauschal möglichst wenig zahlen, aber wir sollen Flatrate malochen.“ Helga witzelte: „Das Sonderangebot für Medien-Manager – 1a Journalisten, zum Mini-Tarif, und zwar nicht nur im ersten Jahr, aber inklusive Print-Flatrate, Online-Flatrate, Zusatzaufgaben-Flatrate.“ Home-Office, nachts, Wochenende, Feiertage – wir warfen weitere Stichworte ein.

„Da gibt’s doch jetzt dieses EU-Urteil“, sagte Pia. „Arbeitszeiten müssen erfasst werden.“ Bei uns müssen bisher nur Überstunden dokumentiert werden. „Aber selbst daran“, brummte Karl, „halten sich Gutsherren nicht. Und wir? Lassen es uns gefallen. Wir haben eine Stechuhr-Phobie.“ Lieber kaputtmalochen als mehr Freizeit und Schutz vor Verfügbarkeit rund um die Uhr?

Das mit der Freizeit regelt sich sowieso bald, warf Jan ein. „Dauer-Online und ausgedünnte Redaktionen – das führt automatisch zu mehr Aufteilung in Schichten und kleinen Teams mit neuen Arbeitszeiten.“ Bei der Hamburger Morgenpost zum Beispiel will DuMont die Printler künftig erst nach dem Mittagessen sehen, dafür sollen sie bis in die Puppen bleiben. „Alle mindestens bis 21 Uhr, die Hälfte bis 23 Uhr.“ Wir sahen uns an: Schluss mit Kino, Theater, Abendessen mit der Familie. Unser Stammtisch müsste auf Frühschoppen umschulen.

„Sagt mal“, warf Inge ein, „hättet ihr das Strache-Video eigentlich auch veröffentlicht?“ Viele hatten ja ethische Bedenken, weil die Aufnahmen illegal entstanden waren. Wir grinsten die Kollegin breit an: „Einflussnahme per Zeitungskauf, versteckte Parteispenden, dafür zugeschanzte Aufträge. Natürlich hätten wir das Video auch gezeigt, so eine entlarvende Rechts-Schweinerei mussten alle Menschen wirklich sehen. Einen reinen Text hätten die Lügenpresse-Schreihälse doch nie ernst genommen.“

Wir konnten es nicht ausdiskutieren. Die ersten Onliner und Radioleute mussten schließlich im Morgengrauen wieder zur Arbeit.


Mittwoch, 17. April 2019

Facebook? Twitter? Journalisten-Plattform!

Professor Doktor (soviel Zeit muss sein) Frank Überall ist Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV, 35.000 Mitglieder). Der promovierte Sozialwissenschaftler ist zudem Professor an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (Köln, Berlin, Frankfurt/Main). Frank möchte, erstmal exklusiv bei Charly & Friends, eine Idee vorstellen, die ihm schon einige Zeit durch den Kopf geht: eine "Journalisten-Plattform" oder ein "DJV-Netz", auf dem - wie bei Facebook oder Twitter - munter diskutiert und veröffentlicht werden kann und auf das (nicht nur!) Öffentlich-Rechtliche aufspringen. Franks Gastbeitrag, proudly presented:

Regt eine Journalisten-Plattform an: DJV-Vorsitzender Frank Überall
Foto: Werner Siess HMKW
Von FRANK ÜBERALL

Diskutieren Sie mit uns weiter bei facebook“, heißt es nach der einen Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, und bei der anderen wird dazu aufgefordert: „Folgen Sie uns bei twitter!“ Jan Böhmermann erschafft sogar jede Woche in seinem „Neo Magazin Royale“ einen kurzweiligen „Hashtag der Woche“, auf dass doch bitteschön alle folgsam sein mögen. Ein prima Modell – zumindest für die US-amerikanischen Unternehmen, die auf diese Weise kostenlose Reklame bekommen.

Und nicht nur das: Ihnen werden die Nutzerinnen und Nutzer zugetrieben, die – wenn es ganz schlimm kommt – zum Ursprungsprodukt „Öffentlich-Rechtliches Fernsehen“ gar nicht mehr zurückkommen.

Eigentlich müsste man jetzt eine eigene Plattform gründen. „DJV-Netz“ oder „Journalisten-Plattform“ zum Beispiel. Als genossenschaftliches Modell von Journalistinnen und Journalisten, mit Bezahlmodell für exklusive Stories.

Und wenn damit genug Nutzer registriert sind, würde es in die Verhandlungen mit ARD, ZDF und Deutschlandfunk gehen: Stichwort Gleichbehandlung. Es wäre doch schön, wenn „Tagesschau“, DLF-Nachrichten und Böhmermann dann auf unsere Plattform hinweisen würden bzw. müssten. Denn notfalls müsste man die mediale Reklame-Chancengleichheit eben einklagen.

Dass eine solche Konkurrenz-Beschwerde nicht vollends irrwitzig ist, sieht man an den früheren Auseinandersetzungen mit Hilfsorganisationen. Bei Katastrophenberichten wird gerne darauf hingewiesen, an wen man spenden kann, um die Not der Opfer zu lindern. Weil es immer unfair ist, eine einzelne Organisation zu empfehlen, haben sich diese zu Bündnissen zusammengetan.

Von mir aus können „DJV-Netz“, „Journalisten-Plattform“ oder wie auch immer ein solches Angebot heißen könnte, dann auch mit anderen Partnern ein Bündnis eingehen: Hauptsache, wir bekommen auch kostenlose Werbung bei den Rundfunkanstalten.

Dienstag, 16. April 2019

Express-Drehung

Erben am Werk
Karikatur: Karlheinz Stannies
„Erleben wir da gerade den Untergang einer Dynastie?“ fragte Bernie. Der Stammtisch ahnte sofort, wen er meinte: „Die DuMonts möchten nicht mehr Verleger spielen. Sie wollen ihre Regionalzeitungen verkaufen. Weil es sich nicht mehr lohnt.“ Claudia, stets kritisch, winkte ab: „Nee, die geben auf, weil sie keine Lösungen und Ideen haben.“ Egal wie, Köln ohne DuMont-Blätter, das ist wie Karneval ohne Kamelle. „Auf dem Melaten-Friedhof, wo der alte Patriarch Alfred Neven DuMont liegt, sollen deutliche Rotationsgeräusche zu hören sein“, schmunzelte Klaus. „Ist ja auch mit Express-Drehung“, kicherte Tanja.

„Meint ihr, jemand kauft heute noch Zeitungen?“ fragte Harry. Wir nippten am Getränk. Wogen auf der „Wirklichkeit der Märkte“, die die DuMont-Erben beschworen, die Rendite gegen das Gejammer ab. „Für kleines Geld, ja“, wagte Martina eine Prognose. „Das rechnet sich für einen Medienkonzern durch Synergie und Personalabbau.“ Zur Not braucht man ja heute gar keine Leute mehr, um eine Zeitung herauszubringen.

Der Geist der Westfälischen Rundschau wehte über den Stammtisch. Wir prosteten ihm zu. Und bestellten gleich die nächste Runde Kurze – wegen des neuesten Essener Kahlschlags. „Die Chefs da“, deklamierte Paul, „schaffen ein Umfeld, in dem unabhängiger und professioneller Regional- und Lokaljournalismus gedeihen kann.“ Hä? Er griente: „So steht es im Framing-Manual von Funke.“

Quatsch, Managersprech. Gilla vergewisserte sich: „Die wollen doch 300 Jobs abbauen?“ Ja, wieder mal. Jetzt überlegen sie, ob sie ihre Thüringer Zeitungen nur noch digital ausliefern. „Da kriegen Fischhändler aber Einwickelprobleme.“ Wir kicherten bitter. Schlechte Witze können wir. „Es ist ja auch ein Skandal, dass Zeitungsboten so viel verdienen – und Verleger so wenig. Die Boten saugen das Verlagswesen geradezu aus.“ Sarkasmus können wir auch.

Hat Lokaljournalismus – bei solchen Medien-Arbeitgebern – überhaupt noch eine Chance? Fragten wir uns oft. Zumindest nach jeder Umfrage, wonach lokale Nachrichten das sind, was die Menschen wollen. „Wir sollten uns gegen den Untergang wehren, mal untereinander was Neues ausprobieren“, meinte Andrea. Dieter zuckte mit den Schultern: „Was willste machen? Sonntagsdemos?“ Es wurde still am Stammtisch; und auf dem Melaten-Friedhof brummte weiter der Alfred.