Freitag, 14. Dezember 2018

Bisschen überspitzt: Schwingt WAZ wieder die Axt?

"Redakteurinnen und Redakteure sind keine Faulenzer",
stellt der DJV-Landesvorstand klar. Foto: Beate Krämer, DJV
Ist dieser neue Geschäftsführer einfach "nur" weltfremd und lebt in der Vergangenheit? Oder baut er bewusst auf provokante und beleidigende Thesen, weil wieder einmal harte Einschnitte drohen? Neu wäre das nicht für die Funke Mediengruppe. Womöglich wird die WAZ-Axt erneut geschwungen, zum x-ten Mal, fürchten Betriebsräte und Gewerkschaft.

In einem Video-Interview mit dem Branchenmagazin "werben&verkaufen" hat der bei der Essener Funke Mediengruppe für Zeitschriften und das Digitale zuständige Geschäftsführer Andreas Schoo die Zeitungsjournalisten als ziemlich faule Langschläfer beschrieben. Sie kämen so gegen 10 Uhr an, schwadroniert er, tränken dann vielleicht Kaffee, und erst nach der ersten Konferenz, um 12 Uhr, werde der Tag angegangen.

Die Betriebsräte meinen, er solle sich mal den
Redaktionsalltag ansehen: Andreas Schoo (Foto: Funke)
Aus welcher Mottenkiste hat der Herr Schoo denn diese Vorstellung vom Arbeitsablauf in einer heutigen Tageszeitungsredaktion hervorgekramt? "Bisschen überspitzt", fügte er eilig hinzu, als der Interviewer einhaken wollte. Sehen viele Medienmanager so ihre Redaktionen? Ich fürchte, ja.

"User first" müsse es künftig heißen, Abläufe müssten als Reaktion auf die Umbrüche bei den Medien auf den Kopf gestellt werden, sagte Schoo in dem Video-Interview. Sein Modell: Redaktionen müssen um 6 Uhr anfangen, den ganzen Tag publizieren, im Zwei-Schicht-Betrieb. Er meint: Das führt in den Redaktionen zu Euphorie. "Das müssen wir sehr kompromisslos angehen."

"Redakteurinnen und Redakteure als kaffeetrinkende Faulenzer hinzustellen - das geht gar nicht", schimpfte der Landesvorstand des DJV NRW. „Wir haben gehofft, dieser verächtliche Umgang der Funke Mediengruppe mit ihren Beschäftigten sei endlich Geschichte“, erklärte Landesvorsitzender Frank Stach. Seine Befürchtung: In der Vergangenheit hätten verschiedene Geschäftsführer mit ähnlich herablassenden Interviews tiefgreifende Einschnitte im Haus vorbereitet.

Der DJV NRW sei auch aktuell wieder besorgt wegen kursierender Gerüchte über erneute Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen bei Funke. "Ein weiterer Personalabbau wäre mit dem Anspruch journalistischer Qualität aber nicht mehr vereinbar und würde die Zukunft der betroffenen Tageszeitungen gefährden“, so Frank Stach. „Kurz gesagt: die Leserinnen und Leser binden und neue gewinnen ist mit noch weniger Leuten schlicht nicht mehr möglich."

Auch die Betriebsräte von WAZ, NRZ, WP sowie Funke Sport und Funke Online reagierten stinksauer, beklagten in einem Offenen Brief u.a. Arbeitsverdichtung, Überstunden, zu Teil gesundheitsgefährdende Belastungen. Ihre Frage: "Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Redaktion?" Und von wegen Euphorie! Eher gehe die Angst um, dass auch "User first"-Umstrukturierungen erneut eigentlich nur verkappte Sparmodelle sind. Hier der Text im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Schoo,
wir haben Ihre „überspitzt“ formulierte Video-Botschaft mit Befremden und Enttäuschung zur Kenntnis genommen. Tageszeitungsredakteure kommen also erst um 10 Uhr, trinken zwei Stunden Kaffee bis zur ersten Konferenz und gehen dann den Tag an. Wie kommen Sie eigentlich zu dieser Erkenntnis? Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Lokalredaktion oder überhaupt in einer Zeitungsredaktion, die tagesaktuell produziert?
Schon jetzt bereiten wir abends Themen und Artikel für den nächsten Tag vor, weil der Arbeitsaufwand anders gar nicht mehr zu stemmen wäre. Wir wissen längst, dass wir als Tageszeitung kein Nachrichtenmonopol mehr haben. Gerade deshalb haben wir Konkurrenzmedien und Social Media zusätzlich im Blick. Wir stellen online, posten Facebook-Beiträge und sind bereits jetzt schon im Dialog mit den Lesern auf allen verfügbaren Kanälen.
Wir sehen User first als Perspektive und als Mittel, durch mehr digitale Abos die Verluste der Printausgaben zu stützen. Wir stellen uns dieser neuen Herausforderung, so wie wir es in den letzten zehn Jahren immer gemacht haben. Und das, obwohl die Redaktionen kontinuierlich personell ausgedünnt wurden und immer mehr Aufgaben dazu bekommen haben. Die Folge: Arbeitsverdichtung, Überstunden, steigende, zum Teil gesundheitsgefährdende Belastungen.
Von Euphorie in den Redaktionen kann keine Rede sein. Die könnte vielleicht entstehen, wenn wir nicht ständig in der Angst leben müssten, dass User first nicht doch ein Sparmodell ist und es eigentlich darum geht, noch weniger Menschen noch mehr Qualität abzuverlangen.
Wir laden Sie gern ein, unseren Arbeitsalltag einmal live vor Ort mit zu erleben.

Samstag, 10. November 2018

Königsdisziplin Lokales (I)

Karikatur: Karlheinz Stannies

Das Lokale ist die Königsdisziplin im Journalismus. Ein Spruch, den man nicht nur in Sonntagsreden hört. Und er ist sicher richtig, trotz aller Desks und Zentralredaktionen. Beim Wühlen im Keller fand ich kürzlich diese Bilderfolge und ein paar andere zum Thema Lokalredaktion. Sie entstanden im Jahr 1977... (Jesses, wie lange ich schon zu zeichnen versuche!)


Leistungsschutz: Chapeau und Schampus

In der eleganten Lounge des Luxushotels ließen die Verleger stundenlang die Korken knallen. „Ja, das mit dem Leistungsschutzrecht für Verlage haben unsere Lobbyisten, diese Teufelskerle, nun auch in Europa prima hingekriegt“, sprudelte der Präsident über. „Chapeau“, verneigte sich ein begeisterter Bayer theatralisch. „Schampus, mehr Schampus“, orderte ein Oberfranke.

Nur an wenigen nagten Zweifel. „Was ist, wenn Google uns – wie angedroht – einfach nicht mehr listet in den Nachrichten-Zusammenstellungen? Dann zahlen die nix und unsere ganze Reichweite im Netz geht flöten“, wagte einer zu fragen. „Das mit den Kostenlos-Lizenzen, wie wir sie Google hier in Deutschland einräumen mussten, können wir schließlich nicht überall und ewig machen.“

Der Präsident winkte ab. „Ruhig Blut“, sagte er. „Nächstes Jahr sind wichtige Europawahlen. Vorher fressen uns die Politiker aus den Händen. Wenn Google zickt, lassen wir sie einfach beschließen, dass uns Google zwangsweise auflisten muss. Natürlich bezahlt. Weil Zeitungen systemrelevant sind.“

Au ja, relevant. Das Zauberwort ließ die Euphorie wie eine La-Ola-Welle durch den Raum schwappen. „Re-le-vant, re-le-vant“ – die ganze Verleger-Gesellschaft zog skandierend um Tische und Stühle, schwenke dicke Flaschen und schlanke Gläser. Hatte der Bundeswirtschaftsminister ihnen beim Zeitungskongress nicht gerade versprochen: Wir tun alles für Euer Überleben in schwierigen Zeiten?

„Hauptsache, das Geld fließt in Strömen“, wünschten sich die Kölschen. Sie brauchten gerade 16 Milliönchen für das Kartellamt. Wegen früherer Gebietsabsprachen. Dem Verleger-Klüngel waren damals sogar Lokalredaktionen zum Opfer gefallen. Die Revierfürsten stichelten gegen die rheinischen Gutsherren: „Jungs, Geheimverträge in der Schweiz, Behörden und sogar Gerichte ausgetrickst – da hatten Eure damaligen Honoratioren aber ganz schön kriminelle Energie.“ Sie hatten gut spotten. Sie waren nie erwischt worden.

Aber man hielt ja zusammen. Die Revierfürsten machten den Kölschen Mut: „Da ist bei euch mal eine Absprache aufgekippt – ist doch kein Grund zum Jammern. So was spart man doch mit neuen Gesellschaften und Zentralredaktionen locker wieder raus.“ Wie aufs Stichwort riefen die Hannoveraner rüber: „Hey! Trinken wir noch einen Madsacker? Auf die Berliner?“

Freitag, 24. August 2018

Das ist hier die Frage...

Fremdwort...? / Karikatur: Karlheinz Stannies
„War das nicht großartig“, fragte Hans rhetorisch, und der Stammtisch nickte begeistert. Die lokalen Freien der Eßlinger Zeitung hatten gemeinsam gestreikt. Und nicht nur kurz. Zwei Wochen lang. Der Manager versuchte noch, per Riesenanzeige andere Freie zu finden: „Je flexibler desto besser“. Aber auf die Schnelle gibt’s halt nirgendwo Ersatz für so viele erfahrene Freie, die sich vor Ort auskennen. Also trug die Einigkeit süße Früchte: Der Verlag erhöhte die Honorare.

Praktizierte Solidarität unter Freien. Obwohl die doch meist die abhängigsten und erpressbarsten Journalisten unter der Sonne sind. Freiwild aus Gutsherren-Sicht. „Für mich ein Wunder“, schwärmte Annette, „möglich nur, weil alle sich einig waren.“ Wir hätten nie gedacht, dass altgedienten Haudegen Tränen in den Augen stehen. Einige von uns wischten sie verschämt weg. Andere ließen sie gerührt kullern.

„Und dann war da noch“, schwappte Petra weiter auf unserer Euphoriewelle, „der Bursche von Trumps Lieblingssender Fox News. Der Präsident hatte keine Fragen von NBC und CNN zugelassen, das seien Lügen-Produzenten. In seiner Sendung später nahm der Fox-Mann die Kollegen in Schutz: Die seien keine Fake-News-Sender, das sei unfair von Trump gewesen.“ Renate meinte: „Mich hat beeindruckt, was auf dieser Pressekonferenz in Brandenburg passiert ist. Die AfD warf einen Zeitungsmann raus, weil der kritisch berichtet hatte. Daraufhin sind dann alle demonstrativ rausgegangen – und die Braunen saßen bedröppelt da.“

Jepp, so muss das laufen: Wir müssen mehr zusammenhalten, uns wehren. „Auch gegen unsere Arbeitgeber“, lachte Sabine. Die Zeitungsmanager wollten in der Tarifrunde mal wieder so richtig spottbillig davon kommen. „Aber die Streiks haben sie zur Räson gebracht – höhere Gehälter und Honorare, Flächentarif und Manteltarif verlängert, Onliner in die Presseversorgung.“ Wir waren uns einig: Das klappte nur, weil sich mehr Leute gewehrt haben, als bei einer Gehaltsrunde zu erwarten war.

„Widerstand geleistet haben auch die Kolleginnen und Kollegen von der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft in Köln“, erinnerte uns Klaus an noch ein Erfolgserlebnis. Zwei Verlage hatten ihre Lokalredaktionen zusammengelegt und die neue aus dem Tarif gekegelt. „Die RRG-Leute wollten das nicht hinnehmen, auch mit Blick auf die künftigen neuen Leute. Damit die nicht tariflos sind. Sie kämpften und streikten – und bekommen jetzt wohl einen umfassenden Haustarif. Jedenfalls ist das der Vorschlag der eingeschalteten Landesschlichterin.“ Wir drückten die Daumen. Wenn's klappt: ein Paradebeispiel und Hoffnungsschimmer für andere Tariflose.

Wir blickten selig träumend vor uns hin. Bis uns Penny, unser Küken, wieder erdete.
„Solidarität?“ schnaubte sie: „Halten doch alle für hoffnungslos altmodisch...“ Wir überlegten kurz. Dachten an Digitalisierung und Spar-Diktate, an unbedachte Zentralisierung und Populismus, Fake News und rechte Attacken und Todeslisten. Manni sagte: „Nein, in solchen Zeiten bin ich eigentlich sicher, dass für die Zukunft des Journalismus und unserer Jobs vor allem eines entscheidend ist: Gehen wir die Probleme als Einzelkämpfer an, jeder für sich. Oder doch lieber als Kolleginnen und Kollegen, die zusammenhalten. Solo oder Solidarität.“ Ja, das ist hier die Frage.


Montag, 20. August 2018

Mach' uns Spaß, Borussia!

Zwischendurch mal wieder etwas Fußball. Heute geht's für den BVB los im Pokal, in ein paar Tagen startet die erste Bundesliga. Ob Borussia mit wieder einmal neuem Trainer den erneuten Neustart schafft? Ich bin gespannt - und gewillt, geduldig zu sein. Für mich ist sowieso eigentlich die Hauptsache, dass die Jungs kämpfen und dass es wie früher rauf und runter geht bei Borussia. Sprich: Spaßfußball, keine 90-Minuten-Verwaltung. Und sei sie erfolgreich. 5:4-Siege (und selbst 4:4-Unentschieden) sind mit lieber als ein gelangweilter 1:0-Sieg ohne Mitfiebern. In diesem Sinne: Mach' uns Spaß, Borussia!


Bevor Sie fragen: Ja, das sind der Original-Pott und die Original-Schale.
Damals, als der BVB beide hatte, durfte ich damit posieren.

UPDATE: Wat'n Krimi im Fürth! Spektakel BVB, so muss das...

Donnerstag, 28. Juni 2018

Künstliche Dummheit

Siri & Co, versehentlich noch im Übersetzungsmodus
Karikatur: Karlheinz Stannies
„Cortana, mach' endlich hin“, drängelte Alexa, „die nächsten Kurznachrichten müssen raus. Die ersten fragen schon nach“. Cortana schnippte: „Spiel' Dich nicht so auf. Das Wetter ist längst abrufbar. Und die Nachrichten-Aufhänger sind doch sowieso dieselben wie die von Siri“. Alexa grummelte. „Aber denk' dran, wenn Du die Online-Teaser vorliest: Da muss ein Hauch von Nachricht drin sein – nicht nur Neugier-Macher.“ Keine Frage, künstliche Intelligenz hatte längst Einzug gehalten in die Redaktionen. Und beileibe nicht nur bei der Steuerung der Kaffeeautomaten.

Siri hatte den kleinen Zicken-Streit gar nicht mitgekriegt. Sie quatschte wieder mal mit dem Google-Kollegen. Auf ihren Horchposten bekamen Sprach-Gesteuerte halt viel mit. „Journalisten sollten den Leser ernst nehmen. Hat er gesagt“, sprudelte es aus Siri hervor. „Wen denn sonst? Ihre Verleger etwa?“, alberte der Okay-Assistent. „Von wem stammt denn die Plattitüde?“ Er guggelte mal eben: „Vom neuen Digital-Chef der Berliner Funke-Zentralredaktion.“ Ist das der, der die Berliner Morgenpost leitete? Ja. Der da knapp die Hälfte der Verkaufsauflage verlor? Ja. Okay, so etwas muss man ernst nehmen.

„Alexa“, gab jemand aus Bonn das Stichwort, „spiel' mir das Lied vom Tod“. Alexa morriconte sofort los, tüdel-lüdel-lüüü, und Cortana flüsterte den anderen zu: „Da fürchtet wohl einer um Jobs beim General-Anzeiger. Die Rheinische Post schluckt das Blatt jetzt“. Siri sinnierte: „Der Auftrag hätte genauso aus Aachen kommen können. Da werden nun auch noch die Stadtredaktionen der beiden Zeitungen zusammengelegt.“ Googles Helferlein nickte: „Aachen ist zur Zeit Spitzenreiter bei der Suche nach dem Begriff Mogelpackung.“

„Upps“, zuckte Alexa zusammen: „Ich habe gerade viele Aufträge gekriegt, die privaten Kühlschränke aufzufüllen. Gehen die Streiks bei den Zeitungen etwa weiter?“ Die Verleger hatten sich ja monatelang geweigert, nach endlosen Dürre-Jahren endlich mal eine angemessene Gehalts- und Honorarerhöhung zu bezahlen. Wertschätzung sieht völlig anders aus. „Experten wie Horst Röper sehen schwarz“, sagte Alexa. Verleger seien keine Verleger mehr, sondern nur noch Kaufleute. „Siri“, fragte Cortana, „haben wir einen Durchbruch bei der Entwicklung Künstlicher Dummheit verpasst?“


Freitag, 22. Juni 2018

Ehrenamt vom Feinsten ... und ehrlich, macht Spaß

Macht (auch) Spaß: das Ehrenamt im DJV NRW. Hier Mitglieder der neu
gewählten Fachausschüsse für Betriebsarbeit und für Tageszeitungen.
Foto: Karlheinz Stannies

Es ist gar nicht mal so, dass es ohne Ehrenamt nicht ginge - zum Beispiel in so einer kleinen Gewerkschaft wie dem Deutschen Journalisten-Verband, insbesondere dem Landesverband NRW. Ohne die Mithilfe der Mitglieder würde im Prinzip zunächst einmal vieles, also Angebot und Service, vor allem teurer. Aber eben auch kühler, geschäftsmäßiger. So wie bei einer Versicherung. Von der hörst und siehst Du nichts. Karteileiche mit Beitragsabbuchung. Du forderst nur dann vertragsgemäße Hilfe an, wenn was ist. Und hoffst, dass dies im Kleingedruckten nicht ausgeschlossen ist.

Ganz anders ist es, wenn sich die Mitglieder, in diesem Fall Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen eines bestimmten Berufsstandes, mit in die Aufgaben und die Arbeit einbringen. Sich freiwillig eben nicht nur eigenbrötlerisch für sich, sondern auch solidarisch für andere engagieren, mit ihren Ideen und Erfahrungen. Freizeit und Gehirnschmalz opfern. Dann hat das einfach eine andere Qualität, wirkt das echt und authentisch. Die Leute, die die "Politik" des Ladens bestimmen, kennen sich halt aus.

Ein ganzes Berufsleben und länger bin ich schon im DJV - und finde diese Mischung immer noch goldrichtig: Kleine Hauptamtler-Mannschaft und ganz viele Ehrenamtler, die - vom Ortsverein bis zum Fachausschuss, vom Vorstand bis zum Delegierten für die Bundesebene - den Job der Gewerkschaft erledigen. Und das klappt und macht sogar Spaß. Obwohl Journalistinnen und Journalisten ja gerne auch Individualisten und Chaoten sind...

Mittwoch, 20. Juni 2018

Ach, Mensch, der Berndt ist tot

Berndt, so wie er sich selbst zeichnete.
Von Merkel bis Trump, vom Papst bis zu den Terroristen: Vor Berndt A.Skott und seinem treffenden Zeichenstift war keiner sicher. Wofür selbst begnadete Schreiber ellenlange Kommentare brauchen, erklärte er den Leserinnen und Lesern in wenigen Strichen. Knallhart und leicht verständlich.

Dieser "Künstler" unter den - jawohl! - Journalisten ist nun nach längerer Krankheit gestorben, mit 75. Er gehörte zweifellos zu den allerbesten Karikaturisten des Landes - und war zudem einfach ein netter Kerl. (Wovon ich mich mehrfach, bei ihm zu Hause oder beim Chinesen, überzeugen durfte.)

Vor fünf Jahren, zum Siebzigsten, gab es in der Düsseldorfer fiftyfifty-Galerie eine Ausstellung zu seinem Lebenswerk. Und dort hängte er seinen Wahlspruch an die Wand: "Wenn es um Karikatur geht, bin ich zu fast jeder Schandtat bereit."

Stimmt. Für den Deutschen Journalisten-Verband NRW zum Beispiel, dessen Mitglied er seit vielen Jahren war, hat er sogar "schau-gezeichnet". Bei einem Gewerkschaftstag (2013 in Düsseldorf), bei dem sich viel ums Zeitungssterben drehte, nahm Berndt (gemeinsam mit seinem jungen Kollegen Heiko Sakurai, Köln) gern an einer Aktion teil: Wir durften miterleben, wie ihre Werke entstanden - Karikaturen zu "unserem" Thema.



Berndt zeichnete damals vor unser aller Augen einen skelettierten Goldesel (Redaktion), dem ein entsetzter Geldeintreiber sogar mit Hilfe einer Taschenlampe in den knochigen Allerwertesten schaut, aber: Da kommt nix mehr. Gleichzeitig versucht ein anderer Geschäftsführer, den ausgeplünderten Esel mit einer billigen Möhre zu locken - und die hängt an einem Rotstift. Zeitungssterben. Herrlich auf den Punkt gebracht.


Foto: Karlheinz Stannies
Und wieso war die Ausstellung  in der fiftyfifty-Galerie? Fiftyfifty ist die Obachlosenhilfe-Initiative in Düsseldorf. Berndt A. Skott unterstützte sie seit Jahren. Er zeichnete kostenlos für das Straßenmagazin fiftyfifty - wie auch für die Obdachlosen-Zeitungen Bodo (Dortmund) und Trott-war (Stuttgart). In der Düsseldorfer fiftyfifty-Galerie bieten die tollsten Künstler ihre Werke zum Kauf an, freitags sogar per Auktion. Werke, die sie gestiftet haben. Der Erlös geht an die Obdachlosenhilfe. Auch Skott spendierte Zeichnungen.

Berndt war auch Initiator und Mitherausgeber von "Deutschkunde - Karikaturen gegen rechte Gewalt" (im Verlag der fiftyfifty-Edition, 17 Euro im fiftyfifty-Shop). Skott wollte ein Zeichen setzen gegen Rechtsextremismus und bat seine Kolleginnen und Kollegen um Unterstützung. Alle machten mit. So entstanden Karikaturenbände - und eine Wanderausstellung in dreifacher Ausfertigung, die Schulen kostenfrei für Unterrichtsprojekte anfordern können (Details hier).

Übrigens: Als Karikaturist war Skott ein Spätzünder. Der gebürtige Ostpreuße bekritzelte zwar schon in frühester Jugend jeden Papierfetzen, wie er in seiner Vita zugab. Aber die erste Karikatur verkaufte der Autodidakt tatsächlich erst 1991. Vorher war er Maurer, Kaminbauer, Werbeleiter, Kleinverleger, Interieur-Designer.

Jetzt hat er den Stift weggelegt. Aber zeichnet bestimmt weiter. R.I.P.


Alle Karikaturen: Berndt A. Skott

Donnerstag, 26. April 2018

Beeindruckend: Das Manifest der Jungen

Die Streiks gehen weiter. Foto: Karlheinz Stannies
Das weiß doch jede Omma, die Vier gehört vors Komma! Trotz solcher Gesänge und Menschenketten, trotz Demos mit Musik und kreativer Aktionen: Die Tarifrunde bei den Tageszeitungen zieht sich, die Medienmanager legten erneut einfach kein annehmbares Angebot vor. Volkmar Kah vom DJV-Landesverband NRW wirft den Verlegern mangelnde Wertschätzung vor - und warnt sie vor den Zukunftsfolgen. Die Verhandlungen wurden erstmal unterbrochen, die Warnstreiks in mehreren Bundesländern verlängert, hier in NRW um vier Tage, also zunächst bis Sonntag, siehe hier.

Klar ist, es geht nicht nur ums Geld. Es geht um viel mehr: um die Zukunft des Berufs, um Chancen für den Nachwuchs. Dies versuchten während der Verhandlungsrunde am Mittwoch einige junge Kolleginnen und Kollegen, den Verleger-Vertretern hautnah deutlich zu machen. Sie sagten ihnen mal, wie es wirklich aussieht in der Branche und den Läden, die sie repräsentieren. Ich dokumentiere hier sehr gerne das beeindruckende "Manifest", das der DJV in einer Tarifinfo verbreitete.

Manifest der Jungen


Sehr geehrte Damen und Herren, werte Verlegerinnen und Verleger,

vielen Dank, dass wir heute die Gelegenheit haben, persönlich mit Ihnen zu sprechen. Wir sind hier als Delegation von jungen Journalistinnen und Journalisten aus Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Wir sind hier, um Ihnen zu verdeutlichen, warum wir überproportional mehr Gehalt im neuen Gehaltstarifvertrag fordern.

Seit wir die ersten Praktika im Journalismus gemacht haben, wurden wir vor unserem Job gewarnt. „Die Zukunft ist ungewiss“, hieß es immer, oder „Davon kann man als junger Mensch kaum leben.“ Uns wurde schon immer klargemacht, dass es extrem schwer sein wird, im Journalismus einen Job zu finden, der finanzielle Sicherheit und eine Perspektive fürs Leben bietet.

Wir sind trotzdem hier: Wir sind Journalistinnen und Journalisten geworden. Was wir heute machen, ist viel mehr als Zeitung. Wir schreiben Artikel, bauen Online-Grafiken und Multimediareportagen oder machen Live-Blogs. Wir schreiben Sonderbeilagen und Themenserien. Oder wir drehen Videos und machen Podcasts.

Und das sicher nicht, weil wir reich werden wollen. Denn der Weg in den Journalismus war hart. Als freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wir mit Zeilensätzen von 10 Cent angefangen. Neben dem Studium haben wir viele unbezahlte Praktika gemacht und dann im Volontariat trotzdem nochmal zwei Jahre lang im Schnitt von 1500 Euro netto gelebt – und das bei stetig steigenden Lebenshaltungskosten. Trotz dieser langen Ausbildung sind viele Einstiegsstellen befristet.

Wir machen Überstunden, Spät- und Wochenenddienste und schicken Artikel mal eben von unterwegs rein. Wir feilen in unserer Freizeit an Konzeptideen und Kamera-Skills und gehen am Wochenende auf Weiterbildungsseminare. Die Anforderungen steigen, die Gehälter nicht. Wir sind in den Journalismus gegangen, weil wir an ihn glauben und dafür arbeiten wollen, dass er eine Zukunft hat. Man könnte sagen, es ist Leidenschaft.

Nur: Irgendwann reicht auch die größte Leidenschaft nicht mehr aus. Wenn wir keine Jobsicherheit haben, wenn wir keine Freiräume für eigene Ideen bekommen, wenn wir von Sparrunden bedroht sind und vor allem: Wenn unsere Arbeit nicht wertgeschätzt wird, auch in Form von Geld, dann gehen wir.

Bei jeder Umstrukturierung heißt es, dass die Zeitung digitaler werden und junge Menschen für sich gewinnen muss. Gleichzeitig wird der Beruf des Journalisten immer unattraktiver. Doch gerade wir als Digital Natives werden gebraucht.

Viele Leistungen haben Sie uns nach 2014 gekürzt.

Donnerstag, 12. April 2018

Sieht der Presse ähnlich

Martin schluchzte leise, der Stammtisch nahm den öffentlich-rechtlichen Kollegen reihum in den Arm. Oooch, was ist denn? „Politiker, Wutbürger, alle trampeln auf uns herum“, flüsterte er. „Und jetzt wollen die Verleger schon wieder gegen uns klagen.“ Wir stutzten. Weswegen denn diesmal? „Die Verleger behaupten, dass der WDR der Presse zu ähnlich wird“, sagte Martin. Kalter Kaffee, wissen wir doch, der WDR hatte gerade erst vorauseilend den Internet-Auftritt freiwillig entschärft. „Es geht aber diesmal nicht um Texte oder so“, stöhnte Martin.

Er brachte uns auf die Spur: Was machen Verleger denn so? Wir sprudelten hervor: Redaktionen schließen, Jobs streichen, Tarife ignorieren, Freien nur Dumpinghonorare zahlen. „Seht ihr“, sagte Martin. „Und den Verlegern ist aufgefallen, dass der WDR auf dem besten Weg ist, so wie sie zu werden.“

Plötzlich wussten wir, was er meinte: Wollen die beim WDR nicht gerade... Ja, wollen die. Kürzen die nicht gerade... Ja, kürzen sie. Hauen die nicht gerade einen Keil zwischen... Ja, hauen die. Sind die nicht gerade dabei... Ja, sind die. „Jetzt verstehe ich auch, warum die Verleger die Öffentlich-Rechtlichen so leidenschaftlich bekämpfen“, schlug sich Heike an den Kopf. „Die Medien-Manager wollen sich ihr exklusives Gutsherren-Geschäftsmodell nicht abkupfern lassen.“

Und ein anderes Monopol auch nicht. „Der Lensing-Wolff knöpft sich gerade das Online-Angebot der Stadt Dortmund vor. Da seien Sachen drin, die nur in die Presse gehören.“ Steuerfinanzierte Konkurrenz – das geht ja gar nicht. Sagte uns der kühle Kopf, im Namen der Pressefreiheit. Private müssen geschützt werden. „Egal wie dünn ihre Angebote inzwischen auch sind“, flüsterte der freche Bauch. In Dortmund hatten die Verleger ja schon vor Jahren selbst für Ein- statt Vielfalt gesorgt: Zeitung dichtgemacht, Lokalteile zusammengelegt, letzte Zentralredaktion geschlossen.

„Jetzt schießt Euch doch nicht immer so auf die armen Medienhäuser ein“, mahnte die mitfühlende Miriam. „Die haben es echt schwer. Und sie investieren doch auch.“ Stimmt. Madsack zum Beispiel plant gerade eine bundesweite Online-Zentralredaktion – mit 70 Leuten. Hans entfuhr: „Okay, die ziehen die meisten aus den Regionalblättern ab.“ Aber das Handelsblatt sucht gerade 105 neue Leute. Kerstin zuckte: „Und wie viele davon sind Journalisten?“

Miriam platzte der Kragen: „Macht es eigentlich Spaß, immer zwanghaft kritische Fragen zu stellen?“ Wir nickten. Ist unser Job.


Freitag, 6. April 2018

In einer gerechten Welt ... wären Streiks unnötig

Tarifrunden: Same procedure...
Kariktur: Karlheinz Stannies
Es ist eine Schande! Am Montag (9. April) müssen Journalistinnen und Journalisten von Zeitungen schon wieder streiken. Mehr als ein Dutzend Redaktionen, auch im Ruhrgebiet, sind in NRW dazu aufgerufen, nicht zur Arbeit zu gehen. „Die Arbeitgeber sind bislang ein verhandlungsfähiges Angebot schuldig geblieben. Stattdessen wollen sie mit uns über Steuersparmodelle durch Gehaltsumwandlungen reden", schreibt der Landesverband NRW des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), siehe hier, nur um deutlich abzuwinken: "Wir wollen erst mal mehr Geld auf dem Konto sehen!“

In einer gerechteren Welt wären solche Streiks nicht notwenig. Und auch nicht die berechtigten Klagen der gebeutelten Freien. Verleger würden ihre Inhalte-Lieferanten wertschätzen - und nicht ausbeuten. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. „In den letzten Jahren sind die Gehaltssteigerungen hinter der Inflationsrate und der allgemeinen Einkommensentwicklung zurück geblieben – so gewinnt man keine klugen Köpfe für den Beruf, und so motiviert man auch nicht seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Frank Stach, der Vorsitzende des DJV NRW.

In einer gerechteren Welt...
Karikatur: Karlheinz Stannies
Nicht nur Stach sorgt sich inzwischen um die Anziehungskraft (und damit die Zukunftsfähigkeit) der Branche. Im Editorial des Medienmagazins JOURNAL schreibt er: "Die Medienbranche tut eher alles, um den Nachwuchs abzuschrecken." Verlagsmanager würden zwar Studium und Volontariat und langjährige Mitarbeit verlangen, junge Kolleginnen und Kollegen dann aber vorzugsweise mit Billiglohn in tariflose Tochtergesellschaften abschieben. Auch das dauernde Honorardumping bei den Freien trage dazu bei, dass sich eine ganze Branche ins Abseits manövriert.

Übrigens: Gerade ist das Medienhaus Bauer vom OLG Hamm dazu verdonnert worden, einem Freien für die Jahre 2009 bis 2012 insgesamt 66.000 Euro Honorar nachzuzahlen, siehe hier. Weil Bauer sich nicht an die zwischen Zeitungsverlegern und Gewerkschaften vereinbarten Vergütungsregeln gehalten hat. Gerechtigkeit dauert manchmal. Aber wenn Betroffene mitziehen, hilft der DJV zuverlässig.

Zurück zur Tarifrunde für die 13.000 Redakteurinnen und Redakteure sowie die festen Freien an Tageszeitungen: Der DJV fordert 4,5 Prozent mehr Einkommen sowie mindestens 200 Euro mehr für junge Journalist(inn)en bei einer Laufzeit des neuen Tarifvertrags von 12 Monaten. Und was haben die Verleger bisher angeboten? Insgesamt 2,6 Prozent mehr verteilt auf 30 Monate (entspricht gut 1 Prozent pro Jahr). Und eine drollige Entgeltumwandlung zur Steuerersparnis (wie seit 2002 möglich für eine zusätzliche Altersversorgung). Nach ihrer Vorstellung soll der DJV einer Öffnungsklausel zustimmen, damit ein Redakteur oder eine Redakteurin per Gehaltsumwandlung in einen Leasingvertrag für ein Fahrrad (!) einsteigen kann.

Wie die Verleger gerade auf ein Fahrrad kommen? Keine Ahnung. Okay, "Radfahrer" gibt's in unserer Branche sicher auch ein paar. Sonst würden ja noch mehr streiken...


Freitag, 30. März 2018

Alternative Sichtweisen

"Wieder etwas weniger Kostenlos-Mentalität im Internet“, witzelte Nina. Der Stammtisch schmunzelte. Es ging um die HuffPost. Die hatte ihre Plattform ja lange für lau mit Inhalten gefüllt, Honorar gab es nicht. Das war nicht nur – „unfair“, warf Andrea ein – trickreich billig. Das sollte auch so richtig netz-visionär sein. Weil ja jede(r) was schreiben durfte. Nur: Immer mehr Quatsch und Fake News nutzen die große Freiheit. „Die HuffPost in den USA zieht nun die Reißleine“, sagte Paul. „Künftig sind nur noch bezahlte Redakteure für Inhalte und Freigabe zuständig.“

Journalist(inn)en sind Faktbusters
Karikatur: Karlheinz Stannies
Fanden wir als Profis gut. Journalismus ist ein Gegenmittel, Fake News sind Gift für die Demokratie. „Nicht zu verwechseln mit unterschiedlichen Sichtweisen und Meinungen“, meinte Inga, „die sind ganz normal.“ Katrin hatte gleich ein Beispiel zur Hand: „Die Funke-Chefin hat über den scheidenden Manager gesagt, er hätte einen großartigen Job gemacht.“ Wir fassten uns an den Kopf. „Aus Sicht der einsackenden Besitzerin mag das stimmen“, maulte Fabian.

Roswitha grübelte: „Ich frage mich manchmal: Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie nicht behütet in Verlegerkreisen aufgewachsen, sondern vielleicht gekündigte Redakteurin der Westfälischen Rundschau gewesen wäre.“ Aus Mitarbeiter-Sicht fiel die Bilanz nämlich anders aus. „Der hat zumindest auch ein Trümmerfeld bei Vielfalt und Jobs, aus Zombie-Zeitungen und dicht gemachten Redaktionen hinterlassen. Gregor fand: „Es kommt wohl immer darauf an, auf welcher Seite man steht.“

„Jepp“, sagte Heide, „unsere Ober-Bosse machen gerade solche Erfahrungen. Die haben reihenweise Nervenzusammenbrüche.“ Echt? „Das begann, nachdem das Medienhaus aus Kostengründen einen Manager-Desk eingeführt hatte“, berichtete sie. „Alle Geschäftsführer und Abteilungsleiter hockten nun im selben Raum so schön kommunikativ aufeinander, dass gleich eine Menge ihrer Stellen gestrichen werden konnte.“ Wir nickten. Desks sind gut für Personalabbau.

„Das hielten die feinen Herrschaften nicht lange durch“, schmunzelte Heide. „Unter ihrer Würde“, schnaubte Horst.“ Nein, sie taten uns nicht Leid. Aber Inge blieb, wie immer, skeptisch: „Ich glaube Dir nicht, Heike. Manager würden sich nie alle in ein Büro einpferchen lassen.“ Heike war ertappt, spann ihre Story aber unbeirrt weiter: „Jetzt denkt der Manager-Desk über alternative Einsparungen nach. Bei uns, natürlich.“ Das Gefährliche an Fake News ist wohl, dass ein Teil immer so vertraut klingt.

Dienstag, 16. Januar 2018

"Da waren Menschen betroffen. Das ist zynisch"

Noch immer trauern viele Westfalen ihrer guten alten Rundschau nach.
Karikatur: Karlheinz Stannies
Ein Mann geht in den Ruhestand und blickt zurück auf seine Chef-Karriere. Der Laden hätte sich bestens entwickelt, urteilt er. Und, ach ja, merkt er noch lapidar an, natürlich hätte er wohl auch ein paar Fehler gemacht. Hört sich so an wie: machen wir doch alle, Schwamm drüber. „Das klingt so, als hätte Manfred Braun aus Versehen mal zu viel Kopierpapier bestellt. Dabei hat er gut 300 Existenzen vernichtet. Das ist zynisch“, so kommentiert der DJV-NRW-Landesvorsitzende Frank Stach die Abschieds-E-Mail, die der scheidende Funke-Geschäftsführer Manfred Braun an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerichtet hat. Dokumentiert ist die Mail auf der Seite medienmoral-nrw.de, http://bit.ly/2Dh8UF2.
 
Er habe einen "großartigen Job" gemacht, lobte Julia Becker, Chefin der Funke-Mediengruppe, ihren Spitzenmann. Viele (Ex- und Noch-) Mitarbeiter, Betriebsräte, Gewerkschafter und Medienexperten sehen das ganz anders. Braun selbst schrieb:
„Natürlich habe ich Fehler gemacht. So bin ich heute zum Beispiel der Ansicht, dass wir mit der Westfälischen Rundschau anders hätten umgehen sollen, als wir es getan haben. Und hätten wir nicht auch für den Dortmunder Markt andere Lösungen finden können?“
Sie erinnern sich? Vor fünf Jahren hat die damalige WAZ-Gruppe (heute Funke) Knall auf Fall sämtliche Redaktionen der Westfälischen Rundschau (WR) geschlossen. 120 angestellte Redakteurinnen und Redakteure sowie rund 180 freie Journalistinnen und Journalisten verloren mit nur zwei Wochen Vorlauf ihre Jobs bzw. Auftragsgeber. Statt ihrer füllte der Konkurrent Ruhr-Nachrichten die Lokalseiten. Die Traditionszeitung wurde zum seelenlosen Zombie, die Meinungs- und Medienvielfalt im Ruhrgebiet brutal getroffen.


Lokalteil von einem, Hauptteil von einem anderen
Verlag, Zentral-Pools für viele Medienhäuser -
die Zeitungslandschaft wird zum Einheitsbrei.
Karikatur: Karlheinz Stannies
Der DJV-NRW verbindet mit dem Namen Braun vor allen Dingen Konzentrationsprozesse im Tageszeitungsbereich, sowohl auf lokaler als auch auf überregionaler Ebene. Auf die Schließung von Lokalredaktionen und die Zusammenarbeit mit Konkurrenztiteln kann man nicht stolz zu sein. Und sich Gedanken um den „Dortmunder Markt“ zu machen, aber m
it keinem Wort zu erwähnen, dass Menschen betroffen waren, von denen einige bis heute keine vergleichbare Anstellung gefunden haben, ist ebenfalls zynisch“, meint Stach. Außerdem habe Braun aus seinen eingestandenen Fehlern nichts gelernt: Noch vor kurzem hat die Funke-Mediengruppe den Fotopool kurzerhand aufgelöst, den 24 Beschäftigten des Fotopools wurde gekündigt. Der DJV: "Elf wurde angeboten, in die neu gegründete Funke Foto Services GmbH zu schlechteren Konditionen zu wechseln. Die übrigen Fotografen mussten sich in Konkurrenz zu Bewerbungen von außen um die restlichen vier Stellen neu bewerben. Neun Beschäftigte haben ihre Jobs verloren."
 
Stach appelliert an den Funke-Mediengruppe, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Zukunft menschlicher umzugehen:. Man hoffe, dass der oder die neue Geschäftsführer/in für die Zeitungstitel "den Wert der Zusammenarbeit" wirklich erkenne und umsetzt – "und nicht nur in einer Betreffzeile nennt, wie Braun das in seiner Abschieds-E-Mail getan hat."

 

Unwort des Jahres

Karikatur, proudly presented: Berndt A. Skott.

Mensch, was habe ich damals vor dem Fernseher gelacht! Als die blonde Sprecherin des Weißen Hauses beim Versuch, ihren später gefeuerten Kollegen Sean Spicer gegen Lügen-Vorwürfe in Schutz zu nehmen, eine Sprach-Schöpfung vornahm: "Alternative Fakten" habe er genannt. Nach dem Motto aller Populisten dieser Welt: Hauptsache wir nennen es Fakten, egal ob sie stimmen - und was richtig ist, bestimmen sowieso wir. Natürlich lügen immer nur die anderen.

Jetzt wurde "Alternative Fakten" zum Unwort des Jahres 2017 gewählt. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) begrüßte das. Bundesvorsitzender Frank Überall betonte: "Es gibt keine Alternativen Fakten. Dieser Unwort-Begriff ist bloß die Umschreibung für Falschauskünfte. Gegen Alternative Fakten hilft nur unabhängiger Journalismus".

Der DJV warnte, je mehr bei Repräsentanten des Staates - bisher von Journalistinnen und Journalisten immer noch oft als "priviligierte Quellen" gesehen - der Populismus Einzug halte, umso mehr werde dieser Vertrauensvorschuss verspielt.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Wenn nicht wir, wer dann?

Der Stammtisch lachte sich schlapp. „Die Gesichter dieser Manager hätte ich gern gesehen“, gluckste Hansi. In Köln kämpft eine zusammengelegte Redaktion um die Rückkehr in den Tarif für alle – und rechnete den Arbeitgebern knallhart vor: Sie können sich Tarif locker leistenWenn sie nur wollten. Manni gackerte: „Die dramatische Minus-Kurve war gar nicht ihr Geschäftsverlauf. Das waren ihre Personalkosten nach der Fusion.“ Patrick prustete: „Oder ihre Glaubwürdigkeitslinie.“ Wir stießen auf die Kölner Kollegen an, die gerade wieder im Streik sind, siehe hier. Die kämpfen irgendwie für uns alle. Vor allem für den Nachwuchs.

Luzie wischte den Schaum ab: „Schlimm ist, dass Medienmanager uns nicht mehr als Menschen sehen. Sondern als Kostenstelle, als Belastung, als Rendite-Gefahr, als Problem.“ Ja, das war mal anders. Senta meinte: „Wenn wir uns und unsere Jobs retten wollen, dann müssen wir wohl selbst was tun. Wenn nicht wir, wer dann?“

Betriebsräte sind die Schrecken vieler Medienmanager - vor allem der
dummen und kurzsichtigen... Karikatur: Karlheinz Stannies
Leicht gesagt. Paul stöhnte: „Jetzt fordern viele Arbeitgeber tatsächlich noch mehr Flexibilität, bei der Arbeitszeit.“ Kopfschütteln. Wir arbeiten bei Bedarf rund um die Uhr, auch an Wochenenden und Feiertagen. „Und hat es uns was gebracht?“ fragte Katrin theatralisch. Barbara schnaubte: „Mir brachte es 42 Tage Urlaub und 36 Überstunden-Tage. Die schiebe ich inzwischen vor mir her.“

Noch schlimmer als tariflos


Klarer Fall für den Betriebsrat“, haute Julian auf den Tisch. Betriebsrat? „Ja natürlich,“ sagte er. Und erzählte von Redaktionen mit funktionierender Arbeitszeiterfassung. Die malochen dadurch viel entspannter. Wir staunten. „Und warum hat unser Betriebsrat so etwas nicht durchgesetzt?“, fragte Paul. „Vielleicht, weil ihr ihn nicht unterstützt?“ Paul dachte nach. Könnte sein.

Julian warb weiter: „Im März sind in Medienhäusern Betriebsratswahlen. Da kommt es auf jeden von uns an. Denn ohne Betriebsrat – das ist noch schlimmer als tariflos. Da gehen viele wichtige Rechte verloren.“ Nicht nur beim Personalabbau. Betriebsräte haben Anspruch auf Infos darüber, was so geplant ist, können anregen und oft mitentscheiden. Er guckte jedem reihum tief in die Augen: „Und sie können speziell Dein Problem zeitnah lösen. Von Urlaub bis Rückenstuhl. Das ist Demokratie vom Feinsten. Im Betrieb.“ Wir bestellten voller Überzeugung noch eine Runde.