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Donnerstag, 4. November 2021

Journokalypse

Da bleibt noch viel Überzeugungsarbeit nötig.
Karikatur: Karlheinz Stannies

„Pah! Luftpumpen-Journalismus“, schnaubte Gerda verächtlich. „Egal ob Corona oder Bundestagswahl: ständig wurden Kleinigkeiten aufgeblasen“, hatte Katrin gemeckert. Bratwurst, Lastenrad, Gendersternchen, Geschwurbel von Hinterbänklern oder Hobby-Virologen – alles schien wichtiger als Fakten und Inhalte. „Hauptsache: beste Klickware“, nickte Sarah. Da reichten schon Halbsätze für Eilmeldungen und Schlagzeilen. Sprich: Anna- hatte bereits den Shitstorm am Hals, bevor -lena kam. „Mag sein, aber es muss pausenlos was geliefert werden – und die Klickzahlen waren doch wirklich toll“, bemühte sich Tom um Verständnis.

„Hör mir auf mit Klicks“, winkte Gregor ab. „Die allein sagen doch gar nichts aus über den Wert unserer Arbeit.“ Gesellschaftliche Relevanz, Debatte um ein wichtiges Thema bereichert, bedeutsame Stimme hörbar gemacht? „So etwas können Klicks nicht beantworten“, sagte Gregor. „Das können nur Redaktionen.“ Die Daten waren sicher eine gute Grundlage für interne Diskussionen – da waren wir uns einig. Aber Klicks dürfen nie und nimmer über Inhalte bestimmen.

„Tun sie aber längst“, maulte Gabi. „Es gibt Redaktionen, die – auf Geheiß der Bosse – ihre Berichterstattung nur noch nach dem vermeintlich gemessenen Leser-Interesse ausrichten“, maulte Gabi. „Schuld sind auch diese Analyse-Tools, die melden, wie viele Abos ein Bericht eingebracht hat“, schimpfte Barbara. „Bei uns werden inzwischen für jede Redaktion feste Abo-Zielvorgaben gemacht.“ Die Folge sei, dass alle mehr und mehr auf gängige Themen setzen. „Dabei ist die Themenauswahl ein Grundpfeiler unserer Profession“, grummelte Christian. „Wenn Zähl- und Analyse-Tools übernehmen, droht uns eine echte Journokalypse.“

Wir wurden ganz nachdenklich. Wie wird es weitergehen mit dem Journalismus? Hubert kramte eine Wahrsage-Kugel heraus: „Ich sehe eine wunderbare Tarifrunde zum Jahresende voraus“, orakelte er. „Schließlich sind wir nicht nur systemrelevant, wir sind jetzt auch Friedensnobelpreis. Das überzeugt die Arbeitgeber. Sie lieben uns jetzt.“ Hubert hatte wohl wieder die rosarote Kugel erwischt.

„Übrigens“, warf Marie ein, „ward ihr auch schon im DJV-NRW-Kino?“ Kinoabende mit Filmen, die sich mit Journalismus befassen. Eine großartige Idee für persönliche Treffs nach langer Corona-Abstinenz. „Die Streifen über die SZ und Monitor waren klasse“, sagte Petra. „Aber der übernächste ist mir zu gruselig. Da weiß ich nicht, ob das wirklich wie angekündigt nur Fiktion ist.“ Wie heißt denn der? „Job-Massaker der Killer-Klicks.“

***

P.S.: Egal wie die Lese-Quote heute hier ausfällt, ich werde daraus einen klaren Schreibe-Auftrag für den nächsten Text ziehen.


Sonntag, 9. Mai 2021

Der Herr Kardinal und sein neuer Pranger

Frank Überall
Foto: Siess/HMKW
Prof. Dr. 
Frank Überall ist der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes. Er und der DJV stehen stets vor und hinter Journalistinnen und Journalisten, die (von brutal und hasserfüllt bis manchmal auch nur gedankenlos) bedroht und angefeindet werden. Obwohl sie doch nur ihren kritischen Job machen. Im Moment bringt ihn ein Kardinal auf die Palme. In Köln steht Herr Woelki seit Monaten in der Kritik (Missbrauchsskandal). "Jetzt stellt er einzelne Medienleute an den Pranger", empört sich Frank. "Ich habe eine Satire dazu gemacht. Kannst Du was zeichnen?" Ich konnte. Und darf im Gegenzug nun Franks Text zeigen, proudly presented:

Karikatur: Karlheinz Stannies

Von FRANK ÜBERALL

Im Missbrauchsskandal der Katholischen Kirche hatte das Kölner Erzbistum kommunikativ bisher kein glückliches Händchen. Jetzt aber können wir uns freuen: Alles wird besser! In endlosen Zoom-Konferenzen haben sich die Verantwortlichen abgestimmt und eine brandneue Strategie zur öffentlichen Kommunikation beschlossen, die Altbewährtes und Modernes miteinander versöhnt: Der gute alte Pranger wird wieder eingeführt!

Erste Ideen, einen solchen Pranger in mittelalterlicher Tradition mitten auf der Domplatte zu Köln aufzustellen, wurden nach Interventionen des städtischen Ordnungsamtes bedauerlicherweise zu den skandalbedingt angehäuften Aktenbergen gelegt. Dafür haben sich die funky Kleriker der Karnevalshochburg am Rhein eine digitale Alternative ausgedacht: Der moderne Pranger kommt nun digital per Pressemitteilung daher.

Mittwoch, 28. April 2021

Lungern und hecheln

Bernd Berke
Lungern und hecheln - "Journalismus", der entgeistert. So überschrieb Bernd Berke, lesbar leicht angewidert, seinen Frust-Stoßseufzer über viele(s) und so manche Entwicklung in unserer Profession. Bernd macht seit nunmehr über zehn Jahren (jesses, die Zeit vergeht) den wohl besten Kultur-Blog der Region: RevierPassagen. Mit einem Wahnsinns-Archiv bis zurück in die 90er. Früher war Bernd bei der Westfälischen Rundschau (als diese noch kein Zombie war, sondern eine Redaktion hatte). Ich habe ihn gefragt, ob ich seine "Entgeisterung" von Ende Februar auch bei mir vorstellen darf. Und siehe da: Proudly presented!

Von BERND BERKE

Manchmal kann einem dieses ganze journalistische Gewerbe, kann einem der ganze (kommerzielle) Medienbetrieb schwerstens auf den Senkel gehen.

Da ist beispielsweise der Lungerjournalismus in Gestalt von Kolleg*innen („man“ soll ja füglich gendern), die stundenlang auf Fluren herumhängen, um wenigstens einen einzigen knackigen Satz aus dem Munde hochwichtiger Polit-Darsteller*innen einzufangen. Ein paar Stunden später ist dies entweder der Talkshow-Aufreger No. 255 oder halt schon das Geschwätz von gestern. Solche Warte-Jobs mögen teilweise gut bezahlt sein, aber ach: Wie öde sind sie doch! Wenn sie sich nach einem solchen Tag ehrlich selbst befragen würden („Was hast du heute bewirkt?“), wie müsste die Antwort dann wohl lauten?

Twitter schlägt Tagesschau

Auch weiß man gar nicht mehr, worauf sich speziell die Fernsehleute so mächtig viel einbilden. Das Fernsehen hat sich als lineares, an Sendezeiten gebundenes Programmzeitschriften-Medium weitgehend erledigt, auf gewissen Kanälen werden die vielfach kläglichen Bildchen-Häppchen nur noch für Senioren versendet. Derweil heimsen YouTuber, TikToker, Influencerinnen und derlei hippes Völkchen mit fortwährender Selbstdarstellung die wahren Quoten und Followerzahlen ein. Manche Tweets haben mehr Zugriffe als die „Tagesschau“ um 20 Uhr, die früher einmal als Maß der Dinge gegolten hat.

Samstag, 18. April 2020

Der Klickschinder-Hannes

Corona-Redaktion, offene Fragen...
Karikatur: Karlheinz Stannies
Wir hockten alle zu Hause vor unseren Computern. Video-Stammtisch im Zeitalter von Corona, seit Wochen schon. Anfangs gab's Technik- und Disziplinprobleme: Ey, wir sehen nur Deinen Bauch! Wen haben wir gerade verloren? Kannste mal die Hitparade im Hintergrund abschalten? Du könntest Deine Bude auch mal wieder aufräumen. Solche Sachen. „Habt ihr auch alle schön die Anti-Viren-Programme hochgefahren?“ flachwitzelte Klaus immer noch jedes Mal am Anfang.

Karla hielt eine Rolle Klopapier in die Kamera: „Hat mein Mann im März gehamstert. Unser Vorrat reicht bis mindestens 2026.“ Meike kicherte: „Notfalls gibt’s ja noch Zeitungen.“ Stimmt. Die australische Lokalzeitung NT News erschien kürzlich mit acht leeren Seiten, zum Zerschnibbeln, als Wisch-Ersatz. Einlagig.

Ohne Zweifel ein Service, den Online nicht bieten kann. „Dafür haben wir viele andere Vorteile“, warf Hannes ein. Uns war aufgefallen, dass er immer wieder gehetzt auf sein Handy eintippte. Das machte uns neugierig. „Wir haben da eine Software“, erklärte der Onliner, „die uns zeigt, wie oft unsere Texte aktuell angeklickt werden.“ Und ihm würden gerade noch sechs Klicks fehlen. Für den Tagessieg im internen Wettstreit der Redaktion. Preis: eine Überstunde wird anerkannt.

„Könnt ihr nicht mal eben auf meinen Text surfen und ein paar Mal klicken“, ließ Hannes die Katze aus dem Sack. „Aus Solidarität.“ Wir dachten an die vielen Streiks und Aktionen, bei denen er stets fehlte. Überhaupt gefiel uns diese ganze Klickschinderei im Online-Journalismus nicht. Hund verschwindet spurlos – unfassbar, wo er sechs Jahre später wieder auftaucht. Schock-Prognose: Bald 10 Millionen Infizierte, wenn...

„Besonders eklig wird es“, verzog Katrin ihr Gesicht, „wenn nach Tragödien Reißer-Überschriften nach Lesern lechzen“. Solche wie „Es machte plopp, plopp, plopp – immer wenn das Auto...“ Menschenverachtend. Wir fragten uns, ob die Produzenten überhaupt noch Journalisten sind. „Jedenfalls sind die nicht wichtig für die Gesellschaft“, stellte Ulf klar. Ordentliche Journalisten dagegen schon: „Wir sind ja jetzt als systemrelevant anerkannt. Zumindest als kritische Infrastruktur.“ Wir schmunzelten: „Da muss erst ein Virus die Welt bedrohen, bis das der Politik auffällt.“

***

P.S.: Natürlich haben wir dann noch für Hannes geklickt. Solidarität und so. Und gehofft, dass die Politiker unsere am Virus verarmenden Freien nicht im Stich lassen. Relevanz und so.

Mittwoch, 19. Februar 2020

Und die Chöre singen für Dich

Liebe Leserinnen und Leser! Ich möchte mich hier schon vorsorglich, also ohne Wenn und Aber, bei Ihnen...

Karikatur: Karlheinz Stannies
„Ja, ja“, würgte Paul die voreilige Entschuldigung ab. Nur um mit Nachdruck festzustellen: „Gut oder schlecht, Satire darf alles. Auch respektlos sein. Gegen alles!“ Außer gegen Tiernahrung, alberte Martina. Und was ist mit Omas? Der Umgang des WDR mit dem Umweltsau-Satire beschäftigte den Stammtisch. Die Sofort-Entschuldigung, sogar in Sondersendungen, das schnelle Löschen des Videos – viele WDR-Leute fühlten sich vom Intendanten schmählich im Stich gelassen. Zumal der Kotau weder Shitstorms noch Demos, beides von rechts angezettelt, verhinderte.

„Dabei wurden gar nicht alle Omas angegriffen“, maulte Claudia pingelig, „höchstens die mit den aufgezählten Umwelt-Sünden.“ Differenzierung ist heute leider nicht mehr üblich. Schon gar nicht bei den Rechten oder in den unsozialen Netzwerken. Wie auf Stichwort stand der Chor der Diversen um den Stammtisch herum:

Unsere Oma sagt, die Braunen sind in Ordnung. (In Ordnung, gute Leute.)

Wir zuckten zusammen. Hielten die Luft an. Die Braunen sind prima?

Und die mit gelber oder roter Haut sind's auch.

Puh. Und da war sie wieder, die patente Oma. In unseren erleichterten Beifall mischte sich Getrappel. Der Chor der Vogelfreien stellte sich auf:

Unser Auftraggeber glaubt, wir sind nicht wichtig. (So wichtig, so nützlich.)
Unser Auftraggeber hält uns für Idioten. (Für Sklaven, austauschbar).
Und er zieht beim Honorar uns über'n Tisch.
Unser Auftraggeber ist 'ne echte Dumping-Sau.

Tolles Satire-Lied. Und leider so wahr. Ob bei Geld oder Rückhalt – die Freien haben es überhaupt nicht leicht. Nicht mal die öffentlich-rechtlichen. Wenn sich schon Leute wie Richard Gutjahr über mangelnde Unterstützung beklagten. Ein Hammer, dass sein Intendant ihm damals riet: Geh' doch zum DJV, wenn Du Hilfe brauchst. Hinter uns ein Räuspern. Der Herner Volokurs-Chor hatte seinen Auftritt:

Der Kollege kennt im Newsroom stets nur Eile. (Will vorn sein, Reichweite.)
Durch Recherche ging manch schöne Zeile baden. (Luft raus, Klicks weg.)
Schon Gerüchte sind für ihn der heiße Scheiß.
Der Kollege ist 'ne echte Fake-news-Sau.

Der Abend konnte noch lang werden. Angesagt hatten sich noch die Anklage-Chöre der ausgebooteten Oldies, der vernachlässigten Fotografen, der belogenen Betriebsräte, der...

Jetzt aber. Liebe Leserinnen und Leser! Falls Sie von der vorschnellen Truppe sind und sich vorhin durch das Liedchen bloßgestellt fühlen, möchte ich mich hiermit schnellstens bei ihnen entschuldigen, ohne Wenn und Aber. Das wird man doch noch...


Freitag, 27. Dezember 2019

Journokalypse now

Fürchterliche Blitze durchzuckten den blutroten Himmel, warfen grelle Lichter auf die Reiter. Tiefes Grollen ließ das Tal erzittern. Putz bröckelte von den Wänden. Alle bangten, auch die rotierenden Rollen könnten aus den Halterungen springen. Doch das Papier sauste. Die Reiter der Journokalypse rissen an den Zügeln, die Pferde stellten sich wiehernd auf. Der erste Reiter erhob seine Stimme. Die Worte vibrierten durch Mark und Bauch: „Jungs, wir sind wieder zu früh. Die drucken immer noch.“ 

Verkostung, mit Schrecken
Karikatur: Karlheinz Stannies
Wir applaudierten. Klaus war mit diesem Beitrag zweifellos der Sieger unseres Geschichten-Wettbewerbs. Wir nannten es Stammtischtelling. „Was meint ihr“, fragte Klaus, „soll ich noch ein paar Sätze anhängen? Etwa so: Die Reiter stoben, TikTok TikTok, zurück ins Land Online. Dort warteten bereits neue Trends auf Vernichtung, weil sie von allerneuesten Trends abgelöst werden mussten...“

Nicht übertreiben, Klaus. Die besten Trends, da waren wir uns einig, sind guter Journalismus und verstärktes Überprüfen von Tatsachen. „Die Faktenchecks zeigen Wirkung“, strahlte Karin. „Jetzt klagen schon Rechtsblogger dagegen, dass sie überprüft werden. Natürlich vergeblich.“ Wir grinsten uns an. Weitermachen!

Karins Story-Versuch hatten wir übrigens schnell abgewürgt. „Kauft ein Ehepaar einen Verlag...“ war als Einstieg ja nicht schlecht, klang aber doch eher wie der Beginn eines Witzes. Da hatte uns das Katastrophen-Szenario von Marie mehr aufgeschreckt:

Mittwoch, 19. Juni 2019

Journalisten-Ethos: Flachratten, hemmungslos

Faktencheck im Medienhaus
Karikatur: Karlheinz Stannies
Als Paul an den Stammtisch schlurfte, hatten die meisten schon reichlich Vorsprung auf den Deckeln. „Sorry“, stöhnte er, „aber ihr wisst ja“. Jepp. Seine Redaktion war seit langem chronisch unterbesetzt. Und welcher Journalist schaltet schon den Computer aus, wenn noch nicht alles fertig ist? Das wussten leider auch die Chefs – und nutzten es hemmungslos aus.

„Für die“, giftete Paul. „sind wir nur Flachratten. Die wollen – wie bei Handy oder Netflix – nur pauschal möglichst wenig zahlen, aber wir sollen Flatrate malochen.“ Helga witzelte: „Das Sonderangebot für Medien-Manager – 1a Journalisten, zum Mini-Tarif, und zwar nicht nur im ersten Jahr, aber inklusive Print-Flatrate, Online-Flatrate, Zusatzaufgaben-Flatrate.“ Home-Office, nachts, Wochenende, Feiertage – wir warfen weitere Stichworte ein.

„Da gibt’s doch jetzt dieses EU-Urteil“,

Dienstag, 16. April 2019

Express-Drehung

Erben am Werk
Karikatur: Karlheinz Stannies
„Erleben wir da gerade den Untergang einer Dynastie?“ fragte Bernie. Der Stammtisch ahnte sofort, wen er meinte: „Die DuMonts möchten nicht mehr Verleger spielen. Sie wollen ihre Regionalzeitungen verkaufen. Weil es sich nicht mehr lohnt.“ Claudia, stets kritisch, winkte ab: „Nee, die geben auf, weil sie keine Lösungen und Ideen haben.“ Egal wie, Köln ohne DuMont-Blätter, das ist wie Karneval ohne Kamelle. „Auf dem Melaten-Friedhof, wo der alte Patriarch Alfred Neven DuMont liegt, sollen deutliche Rotationsgeräusche zu hören sein“, schmunzelte Klaus. „Ist ja auch mit Express-Drehung“, kicherte Tanja.

„Meint ihr, jemand kauft heute noch Zeitungen?“ fragte Harry. Wir nippten am Getränk. Wogen auf der „Wirklichkeit der Märkte“, die die DuMont-Erben beschworen, die Rendite gegen das Gejammer ab. „Für kleines Geld, ja“, wagte Martina eine Prognose. „Das rechnet sich für einen Medienkonzern durch Synergie und Personalabbau.“ Zur Not braucht man ja heute gar keine Leute mehr, um eine Zeitung herauszubringen.

Der Geist der Westfälischen Rundschau wehte über den Stammtisch. Wir prosteten ihm zu. Und bestellten gleich die nächste Runde Kurze – wegen des neuesten Essener Kahlschlags.

Samstag, 9. Februar 2019

Funke-Betriebsräte: Das war zynisch, Frau Becker

In Sonntagsreden der Medien-Oberen
werden Journalisten wertgeschätzt.
Tatsächlich sind sie für die Manager
einfach nur Kostenstellen.
Karikatur: Karlheinz Stannies
Die Aufsichtsratsvorsitzende der Funke Mediengruppe - zynisch.
Die Manager - ohne Kreativität.
Für die Fehler der Chefetagen muss die Belegschaft den Kopf hinhalten - wieder einmal.

Die Betriebsräte von Funke in NRW sind entsetzt und tief enttäuscht. Wieder einmal knallen ihnen die Oberen der Mediengruppe ein Kahlschlag-Konzept um die Ohren, wieder einmal (wie 2009) müssen allein in NRW gleich rund 300 Stellen unter die WAZ- bzw. Funke-Axt. Bei Medienmoral NRW wurde die Stellungnahme der Betriebsräte veröffentlicht. Hier ist sie im Wortlaut:

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die Verlagsgeschäftsführung hat heute darüber informiert, dass sie aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation massive personelle Einschnitte vornehmen wird. Knapp 300 Stellen werden allein in NRW gestrichen. Dazu gehören nach unseren Informationen allein 120 Kolleginnen und Kollegen aus dem Anzeigenbereich, 40 Drucker (der Druckstandort Essen wird geschlossen), die Hälfte der bislang 46 Volos, zehn Mediengestalter, zwei Onliner sowie knapp 40 Redakteure. 14 davon sollen es bei der WAZ sein, 14,5 bei der WP sowie eine bislang noch nicht konkret benannte Zahl bei der NRZ. Auch bei den Sekretariaten aller NRW-Titel soll gespart werden. Noch ist unklar, wie viele Kolleginnen es treffen wird.

Dies stellt einmal mehr einen tiefen Einschnitt in unsere Belegschaften dar. Erinnerungen an 2008/2009 kommen hoch, als im Redaktionsbereich aller Titel 300 Stellen gestrichen wurden. Eine weitere Hiobsbotschaft erreichte die Kollegen der WP-Redaktion Warstein, die zum 28. Februar geschlossen wird. Geschlossen werden auch 21 der 26 Geschäftsstellen in NRW, was aus unserer Sicht einen riesigen Imageschaden in der Leserschaft anrichten und zudem in den Redaktionen zu erheblicher Mehrarbeit führen wird. Diese Entscheidung wurde in unserem Hause schon einmal gefällt – und der Verlag hat sie im Nachhinein bitter bereut und zurückgenommen.

Auf all diese Spar-, Schließungs- und Stellenstreichungs-Pläne haben wir als Betriebsräte mit Empörung und Unverständnis reagiert!

Wieder einmal muss die Belegschaft den Kopf für Managementfehler, die in den vergangenen Jahren gemacht wurden, hinhalten. Seit Jahren heißt die einzige Lösung des Verlags: Stellenabbau. Wir kritisieren, dass der Arbeitgeber jene Kreativität, die er uns tagtäglich abfordert (und auch bekommt), in seinen Unternehmens-Entscheidungen vermissen lässt. Auch deshalb verspüren Großteile der Belegschaft nun starke Vorbehalte gegenüber der neuen Strategie, ab sofort im Rahmen von „User First“ den Fokus völlig aufs Digitale zu richten. Ein positiver Effekt dieses neuen Konzeptes sollte es sein, die Redaktionen in ihrer Alltagsarbeit zu entlasten. Wir befürchten, dass dies mit den heute verkündeten Stellenstreichungen so gut wie unmöglich ist.

Für die Redaktionen

Donnerstag, 7. Februar 2019

Funke-Axt: "Dahinter steckt blinde Profitgier"

Erst absägen, dann Höchstleistungen verlangen -
die irre Welt der Verlagsmanager
Karikatur: Karlheinz Stannies


Qualvolle Erfahrungen seit mindestens einem Jahrzehnt! Die Betriebsräte der Funke Mediengruppe (Essen) kennen ihre Pappenheimer. Wieder einmal hat sich die Befürchtung der Belegschaftsvertretungen bewahrheitet, dass mit viel Managersprech und geschlungenen Wortgirlanden angekündigte Offensiven und Änderungen zumeist mit gewaltigen Sparrunden verbunden sind.

Heute verkündeten die Funke-Oberen, siehe hier, Einzelheiten zum Zukunftsprogramm Funke 2022. "Mehr als eine Restrukturierung", behaupten die Bosse und zielen auf "weiteres Wachstum".

Und so sieht das Wachstum zunächst einmal aus: Massenhafter Personalabbau, die Druckerei in Essen wird geschlossen, die Regional- und Lokalmedien sollen neu aufgestellt werden. Sprich: zehn Prozent der Redakteursstellen der NRW-Titel sollen wohl weg, wie man hört: bei WAZ und NRZ und Westfalenpost jeweils mehr als ein Dutzend. Die Lokalredaktion Warstein der Westfalenpost wird geschlossen, die Volontärsausbildung für ein Jahr unterbrochen.

In der Berliner Zentralredaktion sollen angeblich 22 von 94 Redakteursstellen in Gefahr sein. Planstellen gehen auch in Hamburg und Braunschweig verloren, auch Berliner und Thüringer Wochenblätter und Zeitungen müssen "bluten". Vertriebe, Anzeigen- und andere kaufmännische Bereiche sind ebenfalls "dran. Die Kostensenkung soll "Luft" bringen für Investitionen und gleichzeitig digitale Produkte nach vorn bringen und Print-Titel stabilisieren.

„Mehr denn je brauchen wir guten, verlässlichen Regional- und Lokaljournalismus. Wir dürfen uns aber nichts vormachen, seine Zukunft ist extrem gefährdet“, sagt Ove Saffe. Auf die Idee, dass gerade permanenter Umbau und vor allem hanebüchener Personalabbau extrem zukunftsgefährdend sind, kam der für das Zeitungsgeschäft verantwortliche Geschäftsführer leider nicht. 

"Weiterer Personalabbau keine Lösung"

Karikatur: Karlheinz Stannies
"Dahinter steckt blinde Profitgier", urteilt denn auch der DJV-NRW. Weiter heißt es in einer Mitteilung:

„... Um ihre Renditeziele zu erreichen, werden reihenweise Menschen auf die Straße gesetzt. Der Schein des Aufbruchs in Wertschätzung der Mitarbeiter durch die Geschäftsführung in der neuen Firmenzentrale in Essen trügt.“ Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes NRW (DJV-NRW) Frank Stach hat die Geschäftsführung der Funke Mediengruppe mit scharfen Worten für die heute bekannt gegebenen Abbaupläne kritisiert.


Das heute von der Funke Mediengruppe vorgelegte Sparprogramm

Freitag, 4. Januar 2019

Zeitungsfusion: Wie billig wird jetzt Bielefeld?

Medienvielfalt - sieht wohl bald so aus
Karikatur: Karlheinz Stannies
Das neue Medienjahr, die nächste Fusion - und damit die nächste Sorge um Arbeitsplätze, um Tariftreue und um die Medienvielfalt in Nordrhein-Westfalen: Aschendorff (Westfälische Nachrichten, Münster) will sich das Westfalen-Blatt (Bielefeld) schnappen. Die neue Westfälische Medienholding braucht  noch den Segen des Kartellamts. Hier die aktuelle Pressemitteilung des Deutschen Journalisten-Verbands NRW:

„Wir machen uns Sorgen um den dauerhaften Erhalt der Arbeitsplätze und die Tariftreue in Westfalen“, kommentiert Frank Stach, NRW-Landesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, die aktuelle Fusionsankündigung von Unternehmensgruppe Aschendorff und Westfalen-Blatt.

De facto sei die Gründung einer gemeinsamen Medienholding die endgültige Übernahme des Bielefelder Westfalen-Blattes durch die münstersche Aschendorff -Gruppe, so Stach weiter: „Wir appellieren dringend an Aschendorff und deren Inhaber-Familie Hüffer, nicht die Billigpraxis aus Münster ohne tarifliche Bezahlung und Arbeitsschutz für Bielefeld zu übernehmen. Außerdem setzen wir darauf, dass diese Fusion nicht zum Abbau von Arbeitsplätzen an einem der beiden Standorte führt. Ein Zusammenlegen der Mantelredaktionen wäre zudem ein weiterer Schlag für die Medienvielfalt in Nordrhein-Westfalen.“

Die Aschendorff -Gruppe ist unter anderem Herausgeber der Westfälischen Nachrichten und hatte 2014 bereits die Münstersche Zeitung übernommen, die ihren Lokalteil seitdem vom ehemaligen Konkurrenten Westfälische Nachrichten bekommt. Seit 2015 wird die überwiegende Mehrheit der Redakteur*innen der Westfälischen Nachrichten in Münster nicht mehr nach Tarif bezahlt. Eine Vereinbarung zum Kündigungs-Schutz ist zudem zum Jahresende 2018 ausgelaufen.

An der neuen Westfälischen Medien Holding AG wird Aschendorff nach eigenen Angaben 76,9 Prozent halten, die Bielefelder Busse-Holding übernimmt 20,09 Prozent. Die restlichen 3,41 Prozent hält die Verlagsgruppe Dirk Ippen über den in Hamm erscheinenden Westfälischen Anzeiger. Der Deal steht unter Vorbehalt der Zustimmung des Kartellamtes.

Seit 2011 ist Aschendorff übrigens auch an der das Westfalen-Blatt herausgebenden C.W. Busse Holding mit 20,09 % beteiligt. Diese Beteiligung bleibt auch im neuen Konstrukt erhalten. Bereits 2012 hatte man verkündet, eine endgültige Übernahme anzustreben.

"Mit dem Konstrukt entsteht ein neuer Medienkonzern. Dem muss auch bei der Mitbestimmung Rechnung getragen werden“, mahnt Stach zudem einen Konzernbetriebsrat für die Westfälische Medien Holding AG an. Das Westfalen-Blatt samt Lokalausgaben hat nach eigenen Angaben eine Druckauflage von 114.000. Die Westfälischen Nachrichten kommen mit Lokalausgaben und "Münsterscher Zeitung" auf 202.000.


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Lesen Sie dazu auch, was Journalist und Digital-Experte Christian Jakubetz in seinem Blog schreibt: Westfalen-Blatt: Eine Mustergeschichte für Zeitungen in 2019. Er zeichnet ein düsteres Bild...