Dienstag, 15. Januar 2013

"Seelenlose Redaktionsklempnerei"

Ab 1. Februar ist die Zeitungslandschaft um eine Novität "reicher": Die traditionsreiche Westfälische Rundschau (Dortmund, 1946 gegründet) wird nur noch eine Hülle sein, gefüllt von anderen. Nirgendwo ist mehr WR drin, wo WR draufsteht. 120 Redakteurinnen und Redakteure verlieren ihren Arbeitsplatz. In einer Zeit ohne Arbeitsmarkt für Journalisten.

Seit Herbst 2009, als auf einen Schlag querbeet 300 Jobs „eingespart“ wurden, werden die vier NRW-Zeitungen der WAZ-Mediengruppe dann - dank ihrer Manager-Riege - fast die Hälfte aller Redakteursstellen entsorgt haben.

Die SPD, die über ihre Medienholding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (ddvg) 13,1% der Anteile am WR-Verlag hält, fühlt sich überfahren: „Die Entscheidungen der WAZ sind gegen und ohne uns gefallen.“ Sie erwägt sogar rechtliche Schritte gegen die „seelenlose Redaktionsklempnerei“, wie SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks urteilt. Das Vertrauensverhältnis zum Mehrheitsgesellschafter sei jedenfalls "zerrüttet".

Der von den Gewerkschaften DJV und verdi eingerichtete Blog Medienmoral NRW  berichtet, dass der ContentDesk der WAZ-Mediengruppe in Essen den „Mantel“ (also Politik, Sport, Kultur usw.) für die künftige Westfälische Rundschau liefern wird, während die Lokalteile von anderen Zeitungen eingekauft werden, aus dem eigenen Bestand der WAZ-Mediengruppe (WAZ, Westfalenpost), zum Teil aber auch von (früheren) Konkurrenten wie Ruhr Nachrichten, Hellweger Anzeiger oder Märkischer Zeitungsverlag.

Nix Original mehr, nur noch Fälschung.

In Dortmund erscheint künftig neben dem Platzhirsch Ruhr Nachrichten (RN) und der ohnehin schon im Lokalteil mit der Rundschau geimpften WAZ-Ausgabe eine gemischmaschte „Westfälische Rundschau“ mit einem Mantel vom ContentDesk der WAZ-Mediengruppe in Essen und Lokalseiten der Ruhr Nachrichten. Also: RN, WAZ und WRANZ.

120 Jobs futsch, 120 Existenzen in Gefahr – nun wundert es nicht mehr, dass die "weitsichtigen" Manager der WAZ-Gruppe den zum Jahreswechsel auslaufenden Sozialplan durch einen neuen (läuft bis 2014) ersetzt haben. Natürlich zu verschlechterten Bedingungen.

Da werden nun "Menschen entlassen", klagt Bülend Üruk in einem Kommentar, "die seit Jahren aufgrund des Arbeitsdrucks auf dem Zahnfleisch gehen, die in knappster Besetzung gegen Heimatzeitungen konkurrieren, die seit Jahren aufs Lokale setzen und überregional nicht den Anspruch haben, besser als die Frankfurter Allgemeine Zeitung zu sein." Er legt die "Lokaloffensive" endgültig zu den Akten.

Dortmunds OB Ullrich Sierau ist "fassungslos". Medienwissenschaftler Horst Röper sagt, was von der Rundschau übrig bliebe, sei ein "Produkt mit Etikettenschwindel". Am Mittwochmorgen auf WDR2 schrieb Röper den WAZ-Gruppe-Oberen, wahrscheinlich zum x-ten Mal, ins Stammbuch: "Was stark machen kann ist allein der Lokalteil."

Bilanztricks? Viele vermuteten von Anfang an, dass die WAZ intern stets schöngerechnet wird und andere Zeitungen eben "rot" wurden. Auf Medienmoral wird diskutiert. Da heißt es u.a.: "Die WR wurde gezielt vor die Wand gefahren."

Bauernopfer: Journalisten als Schachfiguren - ein Kommentar im DJV-Blog.

Rudi Bernhardt schreibt auf Revierpassagen einen "kurzen Nachruf auf meine Jugendliebe".

Belegschaft und Betriebsrat wollen das Aus für die WR und die Entlassungen nicht kampflos hinnehmen. Mittlerweile gibt es auch eine Seite auf Facebook: Westfälische Rundschau muss bleiben.

Kommentare:

  1. Es ist wirklich erbärmlich, was bei der WR abläuft. "Gezielt vor die Wand gefahren?". Wäre schön, wenn das jemand beweisen könne. Am meisten schüttelt es mich jedoch bei der Idee, die Westfälische Rundschau mit fremdem Inhalt weiterzuführen. Auf so etwas können nur irgendwelche Kostenfreaks aus dem Management kommen.

    AntwortenLöschen