Samstag, 12. Januar 2013

Piraten-Peep

Fritz winkte uns mit dem Zeigefinger zu sich: „Ich will Euch mal was verraten. Aber psssst.“ Wir rückten näher. Er schaute sich verstohlen um, flüsterte dann: „Auch Zeitungsleute kennen sich im Internet aus.“

Neee??! Sach bloß!! Unsere Überraschung hatte hoffentlich mehr Mimik und Gestus als Til Schweiger in all seinen Filmen. „Ich hab's ja geahnt“, platzte Beate übertrieben höflich heraus.

Fritz legte unbeirrt nach. „Alle sagen doch: Zeitungsjournalisten sind digitale Nichtversteher. Netz-Hinterwäldler. Unfähige Totholzer. Pah! Vor allem im Dienst sind wir doch von den Displays kaum wegzukriegen.“ Wir nickten. Dazu gibt’s sogar eine brandneue Umfrage zur Nutzung von Blogs.

Petra gab zu: „Okay, manche murren, weil sie alles gleichzeitig machen sollen – mit viel zu wenig Leuten tagtäglich eine Zeitung dicht und dann auch noch online live.“ Aber da geht’s um Personalstärke, Organisation und Grundsätze, nicht gegen die digital werdende Welt. Da waren wir uns einig. „Wenn unsere paar Onliner plötzlich auch noch das gedruckte Blatt füllen müssten, würden die auch murren“, murmelte Frank.

Wir vom Stammtisch haben uns eigentlich nichts vorzuwerfen – wir sööörfen, wir soooscheln, einige bloggen sogar. Wir durchschnüffeln das Internet nach Themen-Trüffeln. Vor allem aber sind wir Fans von Twitter. Blitzschnelle Infos, kreative Sprüche, Unmengen von Unsinn – echt super, echt anregend.

Wieder lockte uns Fritz mit Zeigefinger und „pssst“ zu sich: „Meine heimliche Leidenschaft bei Twitter sind ja – die Piraten. Ich suche da immer zuerst nach. Da geht es so schön drunter und drüber.“

Eine Live-Schaltung zur Geburt einer Partei. 33000 Meinungen und Erwartungen, die sich zusammenraufen. Unter aller Augen und Ohren. Faszinierend, würde Spock sagen.

Blickt ihr da noch durch?“ fragte Fritz. „Da gibt es doch jetzt bei den Piraten.dieses Frankfurter Kolloquium.“ - „Kollektiv“, verbesserte Paul. „Korrektiv“, warf Hans schmunzelnd ein. Nee, sagte Petra, unsere Klassenbeste: „Das heißt Frankfurter Kollegium.“

Jedenfalls machen sich die Piraten das Leben selbst schwer. „Die liegen in der Wählergunst inzwischen sogar hinter dieser unsäglichen FDP“, jammerte Beate. „Ach“, meinte Hans, „die berappeln sich schon noch. Ist doch toll, dass jemand mal die jungen Leute aufrüttelt, die sonst nie den Blick von ihren angewachsenen Displays heben würden. Auf's Leben, zum Beispiel. Oder die Stöpsel aus den Ohren ziehen. Um mal zuzuhören.“

Los, wir machen's gleich nochmal, schlug Fritz vor. Was denn? "Na, Piraten-Peepshow." Wir grinsten und gingen online.

Anmerkung: Die angesprochene Umfrage
unter knapp 500 Journalist(inn)en stammt von
Jost Broichmann. Er bloggt dazu hier 

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