Donnerstag, 24. Januar 2013

Am Ende wird es keine Gewinner geben

Das tut gut. Die Aktionsseite rundschau-retten.de und die Ruhrbarone haben einen solidarischen Brief von 216 Redakteurinnen und Redakteuren von WAZ und NRZ sowie vom ContentDesk an die Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe dokumentiert.

Sehr geehrte Herren,
auch wir haben ein paar Tage gebraucht, um unsere Fassungslosigkeit, unsere Trauer, sicher auch unsere Angst, aber vor allem auch unsere Wut in Worte zu kleiden. Ihre Entscheidung, die traditionsreiche „Westfälische Rundschau“ de facto aufzugeben und 120 Menschen (sic!) in eine mehr als ungewisse Zukunft zu entlassen, zeugt in ihrer Art und Weise von einer Kälte, die uns frösteln lässt.

Wir könnten jetzt demokratietheoretisch argumentieren, den Verlust der für unsere offene Gesellschaft so wichtigen Pressevielfalt beklagen. Wir könnten jetzt betriebswirtschaftlich argumentieren und die Frage aufwerfen, ob angesichts der positiven Jahresergebnisse der WAZ-Gruppe und der gern und viel zitierten „Kriegskasse“ wirklich die Existenz des Gesamtunternehmens bedroht ist – oder ob man, wenn man sich denn die Zeit genommen hätte, nicht andere, bessere Lösungen für die „Westfälische Rundschau“ denkbar gewesen wären.

Wir sollten, wir wollen, wir müssen aber vor allem menschlich argumentieren. „Entschieden sozial“ will die WAZ-Gruppe sein. Sie war stets stolz auf diese Tradition, fühlte sich mehr als 60 Jahre daran gebunden, verzichtete auf betriebsbedingte Kündigungen. Suchte vielmehr auch in schweren Zeiten den Ausgleich mit den Menschen.

Die Aufgabe der gesamten WR-Redaktion unter Beibehaltung des Titels als leere Hülle spricht diesem selbst gewählten Maßstab Hohn. Entschieden sozial: Das sollte immer mehr sein als eine hohle Phrase; auf der Seite der Betroffenen wolle man stehen.

Genau da stehen wir jetzt. An der Seite der 120 Kollegen, die mit hohem Engagement, großer Leidensfähigkeit und nach bestem Wissen und Gewissen ihre Arbeit gemacht haben. Und wir fragen uns nach diesem Dammbruch in der Geschichte der einst so stolzen WAZ: Was kommt als nächstes?

Wir verkennen nicht die Probleme der Zeitungsverlage. Wir verkennen nicht die teils dramatischen Auflagen- und Anzeigenverluste. Im Gegenteil: Die Redaktionen haben in der jüngeren und jüngsten Vergangenheit schwere Einschnitte erlitten, ihren Anteil am Umstrukturierungsprozess mehr als erbracht.

Aber wir erkennen nicht, dass in diesen schwierigen Zeiten das notwendige Maß an Menschlichkeit gehalten, der Begriff der Solidarität gelebt und das viel zitierte Miteinander („Wir Arbeiten Zusammen“) mit Leben gefüllt wird. Wir erkennen vor allem, dass der Wert des Menschen geringer geschätzt wird als gehofft.

Unsere Solidarität gilt den betroffenen Kolleginnen und Kollegen samt ihren Familien, bei der Westfälischen Rundschau. Wir sind uns sicher: Wenn diese Kahlschlagpolitik Schule macht, wird es am Ende keine Gewinner mehr geben.

Wir sind entsetzt.

für die Redaktion
Walter Bau/Politik Gudrun Büscher/Politik Jens Dirksen/Kultur Drk Graalmann/Sport
Lutz Heuken/Content Desk Petra Koruhn/Rhein-Ruhr/VM Jürgen Polzin/Leben

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