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Mittwoch, 23. Dezember 2020
Auf der Suche: (Kaum) Bares für Wahres
Dienstag, 1. Dezember 2020
Der schmale Grat
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Wenn die Sucher zum Aussucher werden... Karikatur: Karlheinz Stannies |
Klar, keiner von uns hätte nein gesagt. Schließlich ging es um viel Geld, viermal mehr als der Staat in die digitale Zukunft der ganzen Zeitungsbranche investieren will. Barbara machte uns nachdenklich: „Man könnte damit zigtausend verarmte Freie Journalisten vor dem Verlust ihrer Existenz bewahren, dazu jede Menge Jobs dauerhaft retten – und hätte immer noch mehr Knete übrig, als man zum Leben braucht.“ Reine Theorie. Schließlich kannte niemand von uns eine flotte Witwe, schon gar keine spendable. Hat jemand mal die Nummer von Liz Mohn? Mehr fiel uns nicht ein. Erbärmlich.
„Ja, Nachfolger-Suche kann teuer werden“, brummelte Gaby. „Meint ihr, auch Kurt Bauer hat sich einen Nachfolger gekauft?“ Wir lachten lange über diese rotzfreche Frage. Nein, seine Mehrheit am Medienhaus Bauer – immerhin sechs Generationen im Familienbesitz – hatte Lensing-Wolff bestimmt nicht für lau bekommen. „Der zu erwartende Abbau der Meinungsvielfalt wird hoffentlich teuer“, giftete Patricia.
Der Stammtisch balancierte heute wirklich souverän Humor und Bosheit. Ein schmaler Grat. „So schmal wie zwischen Genie und Wahnsinn“, sagte Harald, „oder zwischen kritischen Journalisten und einfach nur affigen Kotzbrocken. Ich kenne da zwei oder drei.“ Wir grinsten. „Oder zwischen Clickbaits und Journalismus“, brachte Klaus ins Spiel. „So manche Klickschinderei schädigt nämlich das Ansehen der Presse“. Stimmt, hat der Presserat auch gesagt. „Hat Funkes Der Westen schon darüber berichtet?“, stichelte Martina.
Mittlerweile hatte die Technik vieles im Griff: Die Aktionen unserer „Kunden“ wurden gezählt, gemessen, bewertet, in Echtzeit. Je mehr Klicks desto mehr Werbung und Erfolg. Algorithmen entscheiden über Inhalte, Roboter schreiben längst Texte. Was würde erst Künstliche Intelligenz bringen? Wir sahen zu, wie Karla dem runden Ding auf dem Tisch hinter ihr zurief: „Hey, Siri, gibt es eigentlich auch Künstliche Dummheit?“ Die Maschine dachte drei, vier Sekunden nach. Und schnurrte dann freundlich: „Ich bin sicher, dafür braucht ihr unsere Hilfe nicht.“
Freitag, 14. August 2020
Zweiundzwanzig mit sieben Nullen

Der Beschluss kam echt überraschend, angeblich sogar für die Zeitungsverlage selbst. „Auch Politiker des Haushaltsausschusses konnten sich hinterher kaum noch erinnern, wie er zustande kam“, schmunzelte Oliver in unsere virtuelle Stammtisch-Runde. Wir grinsten. Irgendwer würde bestimmt bald eine neue Studie zur überraschenden Wirkung von Druckverlegern (also Politik, nicht Print) machen. Bianca spekulierte: „Vielleicht ist der an konkrete Zukunftsprojekte geknüpfte Geldsegen sogar eine Rache der dauerbedrängten Politiker?“
Jedenfalls: Statt 40 Millionen Euro für Zeitungsboten pumpen die Politiker nun 220 Millionen Staatsknete in die Verlage. Für Investitionen in die digitale Veränderung. „Wow“, witzelte Gabi, „das ist eine 22 mit sieben Nullen. Da muss eine arme Freie wie ich lange für Texten“. Fotograf Peter zückte seinen Rechner: „Honorar für 15 Millionen Fotos. Da kriege ich bestimmt Knipsfinger-Kater.“ Galgenhumor können wir. „Und die Westfalen-Blatt-Gruppe könnte glatt im Tarif bleiben“, warf einer ein. „Quatsch, die nehmen alles mit. Koste es was oder auch wen es wolle. Außerdem sind Aschendorff und Co ja vorbelastete Triebtäter in Sachen Tarifflucht.“ Die armen Kostenstellen, ähm, Kolleginnen und Kollegen dort.
Apropos Tarife. „Habt ihr eigentlich mitbekommen, dass wir eine Tarifrunde hatten?“ fragte Detlev. Kopfschütteln auf allen Bildchen im Display. Plötzlich war er irgendwie da, dieser Corona-Notfalltarif, gültig bis zum Jahresende. „Gute Sache“, meinte Karin, „vor allem die zusätzliche Honorarzahlung an die Freien. „Obwohl“, kam die Arbeitskampf-Romantikerin bei ihr durch, „so ein Streik im Home-Office wäre bestimmt eine nette Erfahrung gewesen.“ Trillern vor dem Frühstück, Plakate malen mit den Kids, Familien-Sprechchöre vom Balkon.
„Wichtig ist auch die Arbeitsplatzsicherung im Krisen-Tarif“, sagte Fritz. Ja, stimmt. „Aber wir bezahlen die zum Teil selbst: Kündigungsschutz gibt’s ja nur da, wo die Arbeitgeber unser Weihnachtsgeld kürzen dürfen.“ Immer nur sparen, streichen. Ob die 220 Millionen Euro für uns etwas ändern? Wir zweifelten. „Zumal in den Verlagen jetzt blanke Panik herrscht“, berichtete Mina. „Keiner hat genug Ideen, wofür man die aufgedrängte Staatsknete abrufen könnte. Einfach in die Rendite packen geht wohl nicht.“ Wir stöhnten voller Mitleid auf. Nelli legte nach: „Ich hörte, dass die Verleger ihre Krisen-Webkonferenz immer noch nicht machen konnten – jeder hat sein eigenes System und besteht drauf.“ Diesmal brüllten wir vor Lachen: Das ganze Digitalzukunftsdrama der Medienhäuser in einem Satz.
Donnerstag, 6. August 2020
... und wir erscheinen doch
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Karikatur: Karlheinz Stannies |
Das Narrativ meldete sich nochmal. „Wir haben ein Anzeigenblatt verkauft“, schnatterte es aus dem Ippen-Wipfel. Und? Das sinnstiftende Mantra kam ins Stottern. „Und... der neue Verlag hat es sofort eingestellt und die Leute entlassen.“ Geschickt, die Drecksarbeit dem Käufer zu überlassen. So geht Siegen! Und wenn der Käufer dann im Gegenzug selber Anzeigenblätter abgibt, die man dicht macht, ist die Revier-Aufteilung zwischen Sieger- und Sauerland perfekt. Sprich: Siegener Zeitung und Westfälischem Anzeiger. Tja, im Verleger-Dschungel gelten wohl andere Gesetze. Man muss nicht auf alles Rücksicht nehmen, was da an Festen und Freien so kreucht und fleucht.
„Kostenstellen, Bauernopfer – so kann man doch nicht mit uns umgehen“, grätschte Christian energisch in den Video-Stammtisch. „Wir sind doch wieder wer! Das Vertrauen in die Medien steigt, dank uns, Klickzahlen und Digital-Abos gehen durch die Decke, dank uns. Und wir sind jetzt systemrelevant.“ Wir winkten ab. „Ja“, meinte die zweifelnde Ruth, „relevant genug für Kita-Plätze. Macht Euch nichts vor: Damit sollte sichergestellt werden, dass unsere Arbeitgeber nicht zu viele Engpässe kriegen. Verleger und Senderchefs sind für Politiker nämlich relevant, nicht wir.“
Der Zweifel war gesät, aber wir hielten uns immer noch für wichtig. „Was wir den Verlegern wert sind, werden wir bei den anstehenden Tarifrunden erleben“, orakelte Andrea. Manni guckte ernst in seine Webcam: „Ich weiß, was sie uns anbieten werden. Sie werden uns auffordern, dankbar zu sein, dass sie uns nur das Urlaubsgeld und die Jahresleistung wegstreichen. Aber dafür würden alle Chefs und Manager auch samstags um 18 Uhr auf ihren Gartenterrassen für die Journalisten klatschten.“ Uns schossen Tränen in die Augen. Damit kriegen sie uns.
Samstag, 16. Mai 2020
BVB gegen Schalke: Derby sehen - und Schluss...?
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Karikatur: Heiko Sakurai |
Samstag, 18. April 2020
Der Klickschinder-Hannes
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Corona-Redaktion, offene Fragen...
Karikatur: Karlheinz Stannies
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Karla hielt eine Rolle Klopapier in die Kamera: „Hat mein Mann im März gehamstert. Unser Vorrat reicht bis mindestens 2026.“ Meike kicherte: „Notfalls gibt’s ja noch Zeitungen.“ Stimmt. Die australische Lokalzeitung NT News erschien kürzlich mit acht leeren Seiten, zum Zerschnibbeln, als Wisch-Ersatz. Einlagig.
Ohne Zweifel ein Service, den Online nicht bieten kann. „Dafür haben wir viele andere Vorteile“, warf Hannes ein. Uns war aufgefallen, dass er immer wieder gehetzt auf sein Handy eintippte. Das machte uns neugierig. „Wir haben da eine Software“, erklärte der Onliner, „die uns zeigt, wie oft unsere Texte aktuell angeklickt werden.“ Und ihm würden gerade noch sechs Klicks fehlen. Für den Tagessieg im internen Wettstreit der Redaktion. Preis: eine Überstunde wird anerkannt.
„Könnt ihr nicht mal eben auf meinen Text surfen und ein paar Mal klicken“, ließ Hannes die Katze aus dem Sack. „Aus Solidarität.“ Wir dachten an die vielen Streiks und Aktionen, bei denen er stets fehlte. Überhaupt gefiel uns diese ganze Klickschinderei im Online-Journalismus nicht. Hund verschwindet spurlos – unfassbar, wo er sechs Jahre später wieder auftaucht. Schock-Prognose: Bald 10 Millionen Infizierte, wenn...
„Besonders eklig wird es“, verzog Katrin ihr Gesicht, „wenn nach Tragödien Reißer-Überschriften nach Lesern lechzen“. Solche wie „Es machte plopp, plopp, plopp – immer wenn das Auto...“ Menschenverachtend. Wir fragten uns, ob die Produzenten überhaupt noch Journalisten sind. „Jedenfalls sind die nicht wichtig für die Gesellschaft“, stellte Ulf klar. Ordentliche Journalisten dagegen schon: „Wir sind ja jetzt als systemrelevant anerkannt. Zumindest als kritische Infrastruktur.“ Wir schmunzelten: „Da muss erst ein Virus die Welt bedrohen, bis das der Politik auffällt.“
P.S.: Natürlich haben wir dann noch für Hannes geklickt. Solidarität und so. Und gehofft, dass die Politiker unsere am Virus verarmenden Freien nicht im Stich lassen. Relevanz und so.
Mittwoch, 19. Februar 2020
Und die Chöre singen für Dich
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Karikatur: Karlheinz Stannies |
Samstag, 4. Januar 2020
In diesen Zeiten Journalist werden? Tja, mh, äh...
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Bernd Berke |
Von BERND BERKE
Ob man/frau heute noch einmal den journalistischen Beruf ergreifen oder sich gar von ihm ergreifen lassen sollte? Mh, ich weiß nicht so recht.
Dies soll gewiss keine Berufsberatung werden. Doch auch kein unumwundenes Abraten. Nur ein paar gesammelte Bemerkungen. Wer in sich eine entsprechende Begabung fühlt, mag es sicherlich weiterhin versuchen. Aber leicht wird es nicht. Doch wird es beispielsweise leichter sein, Lehrer zu werden und über Jahrzehnte zu bleiben? Wohl kaum.
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Einst Insignien in Print-Redaktionen, heute
längst museal: Typometer und graphische
Rechenscheibe (Foto: Bernd Berke
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Aktualität war seit jeher mediales Gebot, auch Zeitdruck ist im Print-Gewerbe und bei anderen journalistischen Hervorbringungen natürlich keineswegs neu. Im Gegenteil. Ehedem wurden Zeitungen laufend aktualisiert, bis in die Nachtstunden hinein. Zehn Jahrzehnte vor unserer Zeit, in den legendären 1920er Jahren, gab es noch Rezensionen, die gleich nach Schluss der Aufführungen gedruckt wurden. Aber hallo!
Doch heute werden Nachrichten und Kommentare nicht nur schnell, sondern oft genug vorschnell verfertigt, noch während und indem die Geschehnisse sich bewegen. Unsere täglichen Eilmeldungen gib uns heute. Halbgare Stoffe werden schon hastig um und um gewendet, ehe die Wahrheit (ach ja!) ihren ersten zarten Anschein zu zeigen vermag. Inzwischen sind Berichte unter der demonstrativ wägenden Standard-Zeile „Was wir wissen – und was nicht“ ja schon ein eigenes, immerhin halbwegs seriöses Genre.
Auch war längst nicht dieser furchtbar freigelassene, entfesselte Hass unterwegs wie heute.