Donnerstag, 13. November 2014

Online ist Boulevard

... und warum man fürs Geschäft einen Geschäftsführer braucht


Stefan Laurin
Der Ober-Ruhrbaron schrieb
hier schon einmal, ebenfalls
proudly presented, warum
Blogs keine Lokalredaktion
ersetzen können.
Von STEFAN LAURIN

Auf der DJV-Konferenz „Besser Online“ in Berlin habe ich gesagt, dass Online-Medien Boulevard-Medien sind und Journalisten gut daran tun, sich jemanden für Geschäftliche zu holen, wenn Sie mit Blogs und anderen Online-Medien Geld verdienen wollen. Karlheinz bat mich, dazu etwas zu schreiben, und wer kann ihm schon einen Wunsch abschlagen?

Der Grund, warum ich gesagt habe, dass Online-Medien Boulevard Medien sind, ist eigentlich ganz einfach und kommt noch aus der Print-Ära. Es gibt Abonnement-Zeitungen, die einen sehr großen Teil ihrer Auflage an Abonnenten ausliefern, die das Blatt jeden Tag bekommen. Der einzelne Artikel, die Überschrift des Aufmachers spielt eine Rolle im Verkauf, aber nur eine untergeordnete: Die meisten Leser haben sich für eine längerfristige Bindung an das Blatt entschieden.

Bei Boulevardmedien ist das anders. Bild oder Express erzielen einen großen Teil ihrer Auflage durch den Straßenverkauf. Wie viele Exemplare verkauft werden, hängt stark von der Aufmacher-Geschichte ab. Es gibt Stammleser, aber die Schlagzeile der Aufmacher-Geschichte ist für den Erfolg wichtiger als bei den klassischen Abonnentenzeitungen wie der Welt, der FAZ oder der Süddeutschen.
 
Online-Medien sind deshalb eher mit Boulevard-Medien vergleichbar, weil sie zwar auch einen gewissen Anteil an Stammlesern haben, aber sich einen sehr großen Teil der Leser jeden Tag neu erobern müssen. Die Bedeutung der Homepage sinkt seit Jahren, immer mehr Leser kommen via Facebook und Twitter – und da kommt es auf das richtige Thema und die Schlagzeile an.

Sicher, die Stammleser gewinnt man über die großen, ausführlichen und exklusiven Geschichten. Aber viele, die heute unsere Stammleser- und Stammkommentatoren sind, haben uns genau über reichweitenstarke Inhalte gefunden.

Und dass es Sinn macht, einen Geschäftsführer an Bord zu holen, der Ahnung von den wirtschaftlichen Aspekten von Medien hat, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Und das aus mehreren Gründen.
 
Der Verkauf von Anzeigen und die Redaktion müssen aus guten Gründe getrennt sein. Allein das rechtfertigt einen Spezialisten für alles Geschäftliche. Aber es gibt noch einen anderen Grund: Ein Unternehmen zu führen ist ein anderer Beruf als Artikel zu schreiben oder ein Medium redaktionell zu leiten. Will man erfolgreich sein, muss man das trennen.
 
Verleger wie Axel Springer oder Gerd Bucerius waren Unternehmer mit einer Leidenschaft für Journalismus – kurzum ideale Verleger. Genau solche Leute braucht man an Bord, will man nicht nur publizistisch, sondern auch wirtschaftliche erfolgreich sein.

Sonntag, 9. November 2014

Übrigens, Mehrheiten...

... werden demnächst in den Unternehmen wohl vom Notar ermittelt - dank der so genannten Tarifeinheit. Für sie muss nachgezählt werden: Welche Gewerkschaft hat im Betrieb mehr Mitglieder. Tarifeinheit, das ist dann, wenn es halt doch nur auf die Größe ankommt, wenn nur noch die mitgliederstärkste Gewerkschaft im Betrieb gültige Tarifverträge abschließen darf. Sprich: wenn für kleinere Gewerkschaften das grundgesetzlich geschützte Tarif- und Streikrecht praktisch abgeschafft wird. Gefordert wird Einheitlichkeit vor allem von Managern, die tagtäglich jede Chance nutzen, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Solidarität zu vermiesen, Keile zwischen sie zu treiben und ihnen die Tarife zu nehmen. Gefordert wird dies aber auch vom DGB, eingebracht wird das Gesetz von Arbeitgeber-Ministerin Andrea Nahles von der ehemaligen Arbeiterpartei SPD. Eine groteske Koalition. Dem Stuttgarter Karikaturisten Klaus Stuttmann ist eine Super-Zeichnung zum Thema Tarifeinheit gelungen. Sein gestrichelter Kommentar, siehe unten, lief wohl nicht nur bei Twitter hundertfach:

Karikatur: Klaus Stuttmann
***
... sind auch beim Deutschen Journalisten-Verband so eine Sache. Der Bundesverbandstag hat es auch im zweiten Anlauf nicht geschafft, ein Signal für die jüngeren Mitglieder zu setzen, genauer: für die Delegierten eine U40-Quote in die Satzung zu beschließen. Übrigens als Soll-Bestimmung, nicht einmal als Pflicht. Ziel: Am Bundesverbandstag des DJV sollen noch mehr Mitglieder als bisher teilnehmen, die voll im Berufsleben stehen und die aktuelle Situation in den Medien hautnah kennen. Außerdem sollte dem Nachwuchs das deutliche Zeichen gegeben werden: Wir wollen Euch, macht mit. Erneut gab es zwar eine satte Mehrheit, aber für eine Satzungsaufnahme reichte es knapp nicht. Peinlich. Immerhin gab es eine intensive Diskussion. Als Kompromiss wurde eine Art Appell an die Landesverbände beschlossen. Für den erhobenen Zeigefinger reichte dann die einfache Mehrheit.

Karikatur: Karlheinz Stannies

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Tarifeinheit: Andrea, bis die Ärzte kommen

Karikatur: Berndt A. Skott
Würden Sie in eine Gewerkschaft eintreten, die eigentlich gar nicht streiken darf? Weil eine andere Gewerkschaft gerade einen Tarifvertrag am Laufen hat - und deshalb die Friedenspflicht gilt. Wer es trotzdem wagt, riskiert gerichtliche Verbote, Kündigungen, Schadensersatzklagen.

Würden Sie in eine Gewerkschaft eintreten, die stattdessen in einer Tarifrunde gerade mal das Recht hat, den Arbeitgebern exakt einmal ihre Sicht der Dinge vorzutragen? Das Gähnen der gesetzlich nur zum Zuhören gezwungenen Manager kann man sich ausmalen.

Nein, solche Gewerkschaften würden letztlich nur noch auf dem Papier stehen. Papiertiger. Und die zigfach fusionierten Groß-Gewerkschaften hätten das Sagen. Dabei kommt es ja, wie man weiß, eben nicht immer nur auf die Größe an.

Arbeitgeber-Ministerin Andrea Nahles (SPD) jedenfalls will, auf ausdrücklichen Wunsch von Wirtschaft und DGB und Kanzlerin, eine Ergänzung des Tarifvertragsgesetzes durchdrücken. Diese soll das Rad zurückdrehen, zurück zu einer Tarifeinheit pro Betrieb, die vom Bundesarbeitsgericht vor vier Jahren gekippt wurde. Und sie verkündet lauthals allen Ernstes, mit einer Einschränkung der grundgesetzlich garantierten Koalitionsfreiheit und des hohen Guts des Streikrechts habe ihr geplantes Gesetz zur Tarifeinheit nichts zu tun. Pustekuchen, siehe oben.

Es mag ja sein, dass die Arbeitgeber-Andrea vor allem die böse Gewerkschaft der Lokführer (GDL) im Sinn hat und deren nicht nur die Fahrgäste verschreckendes Gerangel um Tarifverträge für Mitglieder, die nicht Lokführer sind. Die Piloten kann sie nicht meinen. Im Cockpit gibt es keine Tarifkollision. Und davon ab: Es gab und gibt es auch Hauen und Stechen um Zuständigkeiten unter den DGB-Einheitsgewerkschaften, etwa der IG Metall und Verdi. Es mag also sein, dass die leider zuständige Ministerin nur Gutes im Sinn hat. Aber betroffen sind eben nicht nur Daseinsvorsorge-Bereiche oder Großkonzerne mit eigenen Tarifen. Betroffen sind ganz viele, quer durch die Branchen.
 

Ein Beispiel: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat in den meisten Redaktionen die Mehrheit, überwiegend, aber nicht überall. Kann die zu Verdi gehörende dju damit tarifpolitisch einpacken? Bisher

Dienstag, 28. Oktober 2014

Journalismus: Chancen, Risiken, Nebenwirkungen

Andreas K. Bittner, DJV
Schatzmeister bei der EJF
(bei Twitter der @qwasi)
"Die Zukunft des Journalismus kann von einer neuen Journalistengeneration profitieren, die die neuen Technologien annimmt, neue Wege des Denkens erschließt und Journalismus unternimmt. Journalistenorganisationen müssen diese neuen Gelegenheiten beim Schopf ergreifen und sie zu ihrem Vorteil nutzen, um die Bedrohungen, die Herausforderungen, die vor ihnen liegen, zu meistern."

Diese Sätze stammen aus einer Studie, die Andreas K. Bittner für die  European Federation of Journalists (EJF) geschrieben hat. Andreas ist, wenn er sich selbst beschreibt: "Freier Journalist, Westfale, Borusse". All das macht ihn sympathisch. Er war Schatzmeister im Bundesvorstand des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) und engagiert sich bei der EJF, der größten Journalistenorganisation in Europa. Andreas K. Bittner stellt hier kurz vor, worum es in der Studie geht und warum man sie lesen sollte, proudly presented:
 

Von ANDREAS K. BITTNER

Nach 2011 hat die EJF nun eine zweite, großangelegte Studie veröffentlicht, die sich mit dem Journalistenberuf – seinen Chancen, Risiken und Nebenwirkungen – sowie dem Wandel in der Medienbranche beschäftigt. Hieß es vor drei Jahren noch schlicht „Managing Change in Journalism“, wurden in der aktuellen Untersuchung „Finanzierungs- und Beschäftigungsmodelle im Journalismus“ thematisiert.

Die Ausgangsfrage: Zukunftsangst, Technologiephobie und Pessimismus - sind das wirklich die vorherrschenden Befindlichkeiten in der Medienbranche und von Journalistengewerkschaften? Wo sind und wer vor allem bringt frische Impulse? Was ist mit der oft beschworenen digitalen Aufbruchsstimmung?

Im Rahmen des EU-Projekts “Confronting Austerity: Financial and Employment Models for Journalism” hat die EJF eine Bestandsaufnahme unter 62 europäischen Mitgliedsorganisationen gemacht. Im Mittelpunkt des Berichts stehen die Herausforderungen, mit denen Gewerkschaften und Berufsverbände im Medienbereich angesichts anhaltender Kürzungen und Sparmaßnahmen sowie dem rapiden Medienwandel konfrontiert sind. Mit welchen Strategien, Finanzierungs- und Beschäftigungsmodellen im Journalismus versuchen sie, die Krise zu bewältigen?

Klar ist: Gewerkschaften und Berufsverbände müssen sich offensiver zu ihrer Rolle als Dienstleister und Agent of Change bekennen. Noch verteidigen sie sehr stark ihre gewachsene Rolle, die alte Spartenstruktur, sind zu häufig besitzstandswahrend und zu selten innovativ – mit dem Mut, mit neuen Projekten auch mal zu scheitern.

Trotzdem überwiegen Neugier, Experimentierfreude und Bereitschaft zur Innovation inzwischen. Weniger Lamentieren, mehr Bereitschaft zur konstruktiven Umsetzung. Der Wandel ist in den Köpfen der Journalisten

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Was kommt noch im Ticker-Wahn?

Bernd Berke vom Kult(ur)-Blog Revierpassagen hat sich kürzlich über "leblose Liveticker" mokiert. Die Fußballmannschaft ist am Flughafen, der Flieger ist in der Luft, jetzt ist er gelandet. Bernds Fazit: "Es passiert nichts Nennenswertes, aber dieses Nichts wird unentwegt breitgetreten. Auf die nächste Nullnachricht zu warten, ist an Sinnlosigkeit kaum zu überbieten. Früher hätte man gesagt: Macht euren Bericht erst mal fertig, dann lesen wir (vielleicht) das Resultat."

Bernds lesenswerter Beitrag motivierte mich, einen Teil einer älteren Glosse zum Thema Ticker-tacka und Ticker-Wahn noch einmal rauszukramen. Sie endete so:

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Immerhin hat ja der Gauck den Verlegern mal so richtig die Leviten gelesen, auf deren eigener Jahrestagung“, grinste Bernd. „Aus einem prekären Journalistenhintern kommt kein qualitätsvoller Furz. Hat er gesagt. Sinngemäß.“ Bernd ist ein Meister der knackigen Zusammenfassung.

„Schade, da wäre ich gerne dabei gewesen“, meinte Harry. „Man hätte das Livetickern sollen“, schob Philipp nach. Er schwärmte uns immer davon vor. Das wäre so gut wie dabei sein. Liveticker vom Wahlabend, vom Fußballplatz, bis runter zur Kreisliga, von der entschärften Bombe, vom neuen Apfel-Pad, von der umgefallenen Giraffe im Zoo. „Die Netz-Leser lieben das.“ Deshalb drehen die Internet-Redaktionen wohl auch auf: Ticker-tacka, überall. Eine Redaktion tickerte kürzlich „Wetten dass?“ – damit man die Sendung nicht sehen muss.
 

"Was kommt noch im Ticker-Wahn?“, fragte Klaus theatralisch. Wir schauten auf den stummen Dietmar. Der hackte weiter auf seinem Schlaufon herum, obwohl wir doch hier am Stammtisch ohne Displays auskommen wollten. Wir sprangen hinter ihn. Dietmar hielt die Hand über das Display. Aber wir hatten bereits gelesen: Stammtisch-Liveticker. Das Internet hatte die nächste Bastion eingenommen.
 
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P.S.: Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch einmal auf die Spalte links in meinem Blog hinweisen. Unter Bessere Blogs, zu denen auch Revierpassagen gehört, werden stets deren aktuellen Beiträge angezeigt. Es lohnt sich also immer, zu Charly&Friends zu klicken.