Montag, 20. Oktober 2014

Überraschend: Lanze für die Gewerkschaft

Ralf Heimann
Einer seiner Tweets löste
übrigens 2010 den
Blumenkübel-Hype aus
Ralf Heimann war einige Jahre bei einem tariflosen Verlag angestellt, wollte dann mal was Neues probieren, ließ den Job sausen und ist inzwischen freier Journalist und Buchautor ("Die tote Kuh kommt morgen rein"). Er nennt das neue Leben und sein begleitendes Blog Operation Harakiri. Dort schrieb er jetzt, was Lokführer den Journalisten voraus haben - und warum er (auch für ihn, den Ausgetretenen) völlig überraschend eine "Lanze für Gewerkschaft" bricht, siehe hier. Nun tritt Ralf Heimann wieder in den DJV ein, weil es "alleine nicht geht". Ich darf seinen Text, der auch einen Einblick gibt in die Gefühlswelt der Tariflosen (der man viel entgegen halten könnte), hier verwenden. Welcome back - and proudly presented:

Von RALF HEIMANN

Am Freitag wollte eine alte Freundin übers Wochenende zu Besuch kommen. Das wären zwei schöne Tage geworden. Ich hatte mich sehr darauf gefreut. Aber dann kam am Freitagnachmittag eine SMS. Sie schrieb, sie müsse leider absagen. Ihr Zug sei ausgefallen. Der blöde Bahnstreik.

Weil die Lokführer mehr Geld haben wollen, geht mein schönes Wochenende flöten. Das war so ungefähr mein erster Gedanke. Ich habe mich über die Lokführer geärgert. Das war am Freitag. Mit etwas Abstand denke ich: Vielleicht ja ganz gut, wenn wenigstens ein paar Berufsgruppen so gut organisiert sind, dass sie hin und wieder mal was fordern können. Wir Journalisten kriegen so was ja nicht hin.

Wenn Journalisten streiken, sieht man abends in den Nachrichten ein kleines Grüppchen mit Trillerpfeifen und bunten Plakaten in der Fußgängerzone stehen. Die Grüppchen sind mit den Jahren immer kleiner geworden. Und wenn die Gewerkschaftsbosse dann am Ende ein paar Prozent für alle rausgeholt haben, können sich darüber auch nur die freuen, die das Glück haben, in einem Verlag zu arbeiten, der so nett ist, sich weiterhin an die Tarifabsprache zu halten.

Alle anderen zucken zwei Mal mit den Achseln und setzen dann ihre Arbeit fort, denn was soll man schon machen? Wenn sie keine Tarifverträge mehr zahlen wollen, dann ist das eben so. In dieser Situation noch Ärger machen, kann ja auch gefährlich sein. Nachher ist man seinen Job los. Und das will man ja auch nicht.

Ich selbst habe sieben Jahre lang in einer Redaktion gearbeitet, in der es weder einen Tarifvertrag gab noch einen Betriebsrat. Wir haben öfter darüber nachgedacht, einen Betriebsrat zu gründen. Aber letztlich scheiterte es doch immer an der Frage: Was bringt das schon?

Eine Rolle gespielt hat natürlich auch Angst. Durch den Verlag waberte das Gerücht, der Verleger könne Betriebsräte so wenig ausstehen, dass jeder, der die Tollkühnheit besitzt, sich wählen zu lassen, auf Dauer mit erheblichen Nachteilen rechnen müsse. Andererseits hatten andere Abteilungen längst Betriebsräte, und die konnten das so nicht bestätigen. Es gab sogar Leute, die das Unternehmen verlassen hatten und später wieder eingestellt worden waren. Trotz ihrer Mitgliedschaft im Betriebsrat.

Im Nachhinein frage ich mich, woher diese vorauseilende Angst kam. Und ich frage mich, ob Angst wirklich der einzige Grund dafür ist, dass Journalisten sich so ungeschickt anstellen, wenn es darum geht, die eigenen Interessen durchzusetzen.

Vielleicht liegt es ja auch daran, 

Freitag, 17. Oktober 2014

Echtzeit, Echtzeit, Echtzeit

Wir schielten hoch zum Kneipen-Fernseher. Da lief gerade das Casting für Deutschland sucht den Super-Verleger. Irgendwelche Kölner stellten ihren Plan vor, aus Freien Profis kaum honorierte Amateure zu machen. Und Bohlen polterte: „Für mich seid ihr im Finale – im finalen Endstadium. Wir sind Talentsucher und keine Müllsortierer.“

Hey, Wirt, schalt um. Der drückte uns lieber gleich die Fernbedienung in die Hand.

Zapp. Richter Kartell schaute skeptisch zur Anklagebank: „Was denn, schon wieder Notwehr? Wieder Sanierungsfusion?“ Der Wiederholungstäter tat zerknirscht: „Doch nur wegen der … ähm … medialen Vielfalt“.

Zapp. Fernsehköche kippten in alle Töpfe und Pfannen dasselbe. „Ab heute gibt’s“, sagten sie mit Sparsabber in den Mundwinkeln, „nur Einheitsbrei“.

Zapp. Jetzt flimmerte eine dieser endlosen Soaps über den Schirm: Print vs Online. In der Folge „Wer im Glashaus sitzt“ zerfleischte sich eine Nachrichtenmagazin-Redaktion. Wandelnde Greise, gestützt auf Radiergummi-Bleistifte, gegen von Akkus getriebene junge Hoodies mit nachtaktiven glühenden Augen.

Horror. Zapp. Der Propheten-Kanal sang das Mantra von der siegreichen Digitalen Revolution.

Zapp. Der Prediger-Sender betete ultimative Lösungen für den Journalismus runter: mobile, urban, Daten, Roboter, Drohnen, Crowdfunding, interaktiv, investigativ, native...

Dativ. Akkusativ. Aus. „Inzwischen gibt’s Comics-Journalismus. Was sollen wir noch alles testen, um den Journalismus zu retten?“ rang Peter nach Fassung. „Und alles unter Druck. Dabei hat der olle Henry Ford schon gewusst: Der größte Feind der Qualität ist die Eile“, rief er. „Aber alle wollen Echtzeit, Echtzeit, Echtzeit.“

Die Tür ging auf, und Peters Frau stand neben ihm. „Stimmt“, sagte sie. Wir horchten auf. Peters Frau stand nicht im Verdacht, ihm immer Recht zu geben. Sie schnappte sich den Gatten: „Ab nach Hause. Es ist echt Zeit.“

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Durchhalten!

Karikatur: Karlheinz Stannies

Montag, 6. Oktober 2014

Bock zum Gärtner

Ein rechtskonservativer Medien-Schikanierer für die Kultur, ein ehemaliger Öl-Mann für das Klima, ein Schuldenmacher für die Wirtschaft, ein Nicht-Digitaler fürs Digitale... Einige Kandidatinnen und Kandidaten von Jean-Claude Juncker für die EU-Kommission sind höchst umstritten. Das EU-Parlament siebt. Und Jan Tomaschoff, einer meiner Lieblings-Karikaturisten, stellt mit seinem Stift die goldrichtige Frage. Und zeichnet die Antwort gleich mit ins Bild - einfach klasse, proudly presented:

Karikatur: Jan Tomaschoff

Samstag, 4. Oktober 2014

Silvernerds sind Netzeroberer

Ilse Mohr
Foto: privat
Ilse Mohr ist eine Journalistin aus Alfter bei Bonn und ist, Zitat: "damals gab es noch Tippex" Jahre alt. Sie arbeitete lange im Lokalen, inzwischen als Textcoach, betreibt ein Büro für Textqualität - und bloggt als Silvernerd. Über Social Media, digitale Gräben, Netzkompetenz und ihre Erlebnisse im Neuland mit ü50. Silversurfer waren gestern: "Silvernerds sind durchgeknallte ü50er, die plötzlich anfangen zu twittern und zu bloggen und aufhören, ihre Haare zu färben. Sie fühlen sich zu jung, um den Anschluss an die Welt zu verlieren, und tauschen Rezepte für Grießklößchen gegen Infos über dieses Internet." Besonders gefallen hat mir das Doppel-Interview Mutter-Tochter/Tochter-Mutter, siehe hier, in dem Ilse und Carline viel vom Familienleben im Netz verrieten: Möchtest Du mit mir befreundet sein, Kind? Und: Bin ich Dir bei Facebook peinlich, Mama? Für mein Blog schrieb die Kollegin auf, warum immer mehr Ältere munter herumnerden (sollten) - proudly presented:

Von ILSE MOHR

Rückt mal zusammen und macht im Internet Platz für die Silvernerds. So nenne ich Leute 50+, die das Stadium der belächelten Silversurfer hinter sich gelassen haben. Silvernerds springen mutig über den digitalen Graben und erobern sich das Internet als einen vergrößerten Lebensraum. Sie besiedeln das Neuland, gestalten es mit und leben dort genauso selbstverständlich wie in der realen Welt.

Der Begriff Silversurfer reicht nicht mehr aus, um die Umtriebigkeit älterer Menschen im Netz zu beschreiben, die angefangen haben zu twittern, zu bloggen und Videos hochzuladen; die sich per Hangout on air  in einer netzpolitischen Diskussion zu Wort zu melden, ihr Internetkenntnisse auf Fortbildungen erweitern und auf Barcamps neue Wege der Vernetzung gehen.
 
Silversurfer ist so 90er
Der Begriff Silversurfer wurde zum einen von Marketingstrategen Ende der 90er Jahre in die Welt gesetzt, die mit der Generation 50+ eine neue Zielgruppe im Internet entdeckt hatten. Zum anderen beschreibt der Begriff auch die Online-Aktivitäten der älteren Menschen, die sich überwiegend auf wenige bekannte Anwendungen beschränken: Informationen suchen, Suchmaschinen nutzen, E-Mails schreiben, Wetterinformationen suchen.
 
Selbst Flashmobs kennen längst kein Alter mehr -
wie hier beim Weltseniorentag in Köln (Foto: Ilse Mohr)
Das Netz kann mehr
Im Vergleich zu den jüngeren Generationen werden die Möglichkeiten zur Interaktion im Netz zwar noch wenig genutzt, aber die Generation zwischen 50 und 69 Jahren holt auf. Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 zeigt, dass der Anteil dieser Altersgruppe in Onlinecommunitys (17%), Videoportalen (17%) und Chats (12%) und Internetforen (7%) steigt. Auch Blogs und Twitter sind für einen kleinen Teil der älteren Onliner kein Fremdwort mehr.
 
Web 2.0 löst das Surfen ab
„Einfach so im Internet surfen“ ist aus dem Fragenkatalog der ARD/ZDF-Studie in diesem Jahr verschwunden. 1999 kam "zielloses Surfen" bei der Online-Nutzung noch auf satte 77%, bis 2013 ist dieser Anteil auf 44 Prozent gesunken. Web-2.0-Anwendungen haben das Internet der 90er längst in eine Plattform verwandelt, die mit ihrer Interaktivität und Multimedialität auch ältere Späteinsteiger anlockt. Sie surfen dort nicht mehr, sondern nerden munter herum. Silvernerds eben.

Brücken zwischen Jung und Alt
Ein Problem ist für Ältere noch oft die ganze Technik. Erstaunliche 25 Prozent der 50-69jährigen nutzen zwar schon Apps auf Mobilgeräten, 50 Prozent dieser Altersgruppe schätzen nach den Ergebnissen der ARD/ZDF-Onlinestudie ihre Internetkenntnisse jedoch als weniger gut bis gar nicht gut ein. Mein Wunsch wäre, dass jeder jüngere Onliner als Netzpate Verantwortung für einen älteren Menschen in seinem Umfeld übernimmt. So kann auch die Gefahr einer digitalen Entfremdung zwischen den Generationen verringert  werden. Denn Netzkompetenz brauchen die Älteren auch den Enkeln zuliebe.