Sonntag, 19. Februar 2017

Spieglein, Spieglein...

Spieglein, Spieglein... (Karikatur: Karlheinz Stannies)

Trump, Erdogan, Putin, die rechts-braunen Populisten - alle mögen die Medien nicht. Zumindest nicht, wenn Journalist(inn)en ihren Job tut und kritisch nachhaken, alternative Fakten entlarven die gewünschte Hofberichterstattung ablehnen. Für den "so-called" Präsidenten der USA sind die Medien sogar "Feinde der Bürger", wie er regierungsamtlich (also per Twitter) verlautete. Müssen die Medien sich also umstellen, damit die Mächtigen und Möchtegerns sie wieder lieb haben? Nö, im Gegenteil! Für Karikaturisten wie Heiko Sakurai und Thomas Plaßmann sind (nicht nur) die Trump-Ausfälle ein Fest für den Zeichenstift.


Karikatur: Heiko Sakurai


Karikatur: Thomas Plaßmann

Hopplahopp

Der Stammtisch war schon kurz vor Schwips. Wir hatten erst angestoßen auf zwei Gedenktage der Verleger-Schande. Auf vier Jahre Westfälische Rundschau, die ohne eigene Redaktion zum Zombie wurde: Prost Frau Funke. Auf zehn Jahre Münstersche Zeitung, wo eine ganze Lokalredaktion hintergangen und über Nacht ausgetauscht wurde: Prost Lensing. Prost Wolff.

Natürlich gab es genug neue Gründe, das Glas zu heben. Auch auf Trump, der lieber twittert, weil er sich mit den Medien „im Krieg“ wähnt. Oder auf Erdogan, der – obwohl noch gar nicht Sultan – schon jetzt Spitzenreiter im Journalisten-Einkerkern ist. Wir schafften es nicht, uns die Lage schön zu saufen.
 
Aber es wurde alberner. „Kannst Du Dich noch an den ersten Auftritt des Trump-Sprechers vor der Presse erinnern?“ fragte Hans. „Ja“, kicherte Petra. „Dieser Marine-Reservist wollte den Kollegen befehlen, dass das“ – und sie hielt Daumen und Zeigefinger wirklich nicht weit auseinander – „bei diesem Präsidenten 20 Zentimeter sind. Punkt.“ Wir erinnerten uns an Comical Ali und grinsten. „Und die Trump-Beraterin sprach hinterher nicht von Lügen, sondern von alternativen Fakten“.
 
„Bald gibt es mehr Worte für Lügen als Eskimos Worte für Schnee haben“, stöhnte Max. „Und diese Populisten sagen immer: Schuld sind die Medien. Alle verlangen, dass wir genau so sind und exakt so berichten, wie es in ihre alternative Realität passt.“ Das nagt am Nervenkostüm, das wussten wir alle. „Der Druck von Zeit und Exklusivität in Digitalien und der Personalmangel macht etwas mit uns, da passieren Fehler“, gab Björn zu. Clinton als Präsidentin gemeldet, die NPD als verboten – Schnellschuss-Fakes.
 
„Manches ist schon richtiggestellt, bevor es als falsche Eilmeldung die Handys erreicht“, fasste sich Andrea an den Kopf. „Nein, Hopplahopp ist kein Journalismus, nicht mal alternativ. Wir müssen uns Zeit für Recherche nehmen.“ Alle nickten, als Frank uns neugierig machte: „Ich weiß, womit uns die Medienmanager demnächst kommen.“ Und? „Wenn sie weiter Redaktionen verkleinern und immer öfter grundverschiedene Zeitungen nur von einer Zentrale machen lassen, werden sie behaupten: Das ist alternative Medien- und Meinungsvielfalt.“ Prost Verleger.
 
 

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Schöne Bescherung!

Weihnachten beim Medienmanager ...
Karikatur: Karlheinz Stannies

Montag, 19. Dezember 2016

Nennt mich Algo!

Nisten sich Gewohnheiten aus dem Netz auch im realen Leben ein?
Karikatur: Karlheinz Stannies
Wir haben bis heute keine Ahnung, was letztlich der Auslöser war. Aber plötzlich tropften traurige Tränen in unsere Bierchen. Wir heulten Rotz und Wasser.

Normalerweise ist das Media-Wichteln der ausgelassene Höhepunkt des Stammtisch-Jahres. Immer wieder erstaunlich, wie unpassend-passend manche Zufallsgeschenke sind. Der Onliner schluckte, als er den Schrubber bekam, ­lächelte aber wieder, als der ZDF-Kollege die Senioren-Haftcreme auspackte. Und der Rundfunk-Frau standen die Ohrenschützer eigentlich gut.

Auch als Print-Lady Nicole eine kleine Papierrolle freirupfte, war noch alles in Ordnung. Auf dem letzten Blatt stand: „Wir liefern den Lesern unsere Inhalte dort, wo sie es wollen. Wir haben herausgefunden, wo manche gerne lesen. Deshalb gibt's jetzt morgens die Zeitung auf bedrucktem Klopapier.“

Mannis Wichtel-Geschenk: eine Plastiksaftpresse und eine Orange. In die hatte jemand „Lügen“ geritzt. Da brachen die Dämme. Anne schluchzte: „Wir sind an allem schuld. Trump-Sieg? Schuldig! Das Wiedererstarken der Braunen? Schuldig! Flüchtlingskrise? Schuldig!“ Hans trompetete in sein Taschentuch: „Wir schreiben dafür, wir senden dagegen – egal. Keiner hört mehr auf uns.“ Gerda jammerte: „Niemand nimmt uns ernst. Jedem Facebooker mit 200 Followern wird mehr geglaubt als der gut ­recherchierten, überdachten Meldung von uns Profis.“

Eigentlich dachten wir: Soziale Medien sind keine Meinungsbildner, die durch echte Fakten und Vielfalt zum Nachdenken anregen wollen. Sie sind Meinungsverstärker – weil ihre Algorithmen immer nur das Gewollte in jede Interessenblase liefern. Völlig schnuppe, ob es Fake-News sind. „Die gaukeln jedem vor, dass er Recht hat“, brummte Bernd. „Inzwischen sollen sich Journalisten ja Communities suchen und für die dann Passendes schreiben. Gestatten, ich bin euer Rithmus, ihr dürft mich Algo nennen.“ Wir heulten kollektiv auf.

„Jungs, Mädels, ich brauche Euch. Wirklich.“ Wir hoben die Schniefnasen. Die Worte des Wirts waren wie Balsam. Der richtige Satz zur richtigen Zeit. Vereiste Seelen wurden warm. ­Jemand. Braucht. Uns. Wir stellten augenblicklich das Jammern ein und halfen ihm dabei, die vom Internet der Dinge zu früh bestellten Nachschubfässer im Keller zu verstauen.

 

Samstag, 12. November 2016

Vorwärts in die Vergangenheit

„Irgendjemand muss dafür bezahlen!“ Der Präsident klang knurrig wie John Wayne, kurz bevor Blei flog. Im Hinterzimmer der Nobel-Kneipe hatten sich die Medienmanager gegenseitig beim Champagner ihre schönsten Jammer-Reden vorgeführt: dass man am Hungertuch nagt, vor Sorge um die Jobs kaum noch schläft – Schenkel wurden geklopft, Mitleidstränen flossen.
 
Die Schrecken der Medienmanager (Karikatur: Karlheinz Stannies)
Dabei war die Sache ernst. Die Gewinne sinken, und irgendwer muss zahlen. „Na, wer schon?“, fragte einer. „Die Mitarbeiter“, kannten alle die Antwort. „Ist doch ganz einfach“, hieß es. „Raus aus dem Tarif. Dazu ein wenig Drohung und Schwarzmalerei. Wenn kein Betriebsrat in die Quere kommt, unterschreiben die Leute alles.“
 
„Tarifflucht – gut und schön“, stöhnte Kurt, „aber leider kompliziert." Im Labyrinth von Nachwirkung, Fortgeltung und neuen tariflosen Mini-Firmen konnte man sich schon mal selbst verlaufen. Karl Hans setzte dazu: „Gewerkschaften, Betriebsräte – alle reden uns rein. Uns!“ Man schauderte. „Ach, wie war das schön, damals, als wir noch mit den Leuten machen und ihnen zahlen konnten, was wir wollten“, geriet Helmut ins Schwärmen. „Das war noch verlegerische Freiheit!“
 
„Und genau da müssen wir wieder hin!“, haute Christian auf den Tisch. „Was ich immer sage“, hakte Benedikt ein, „wir Medienhäuser müssen zurück ins 19. Jahrhundert. Wir haben uns doch gleich zu Beginn der digitalen Revolution diesen Flitzer aus Amerika besorgt, diese Zeitmaschine. Warum nehmen wir die nicht und verhindern die Entstehung der Tarifverträge?“
 
Alle wurden ganz hibbelig. Okay, der erste Reise-Versuch war wohl schiefgegangen: Die Verleger, die Facebook und Youtube gründen sollten, kamen nie wieder. Aber der Nachbau der Zeitmaschine war bestimmt besser. „Wir müssten ins Jahr 1873“, wusste Alfred. „Damals gab es den ersten Tarifvertrag im Kaiserreich – für Drucker.“ Michael riet: „Wir stellen den Rendite- ähm Flux-Kompensator aber lieber auf 1850. So bleibt Zeit für Lobbyarbeit.“
 
Die Sache war beschlossen. Der Präsident befahl: „Hendrik, hol schon mal den DeLorean.“ Und dann gaben sie Gas: vorwärts in die Vergangenheit.
 
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P.S.: Was diesmal aus den Managern wurde, ist unklar. Jedenfalls: Tarifverträge gibt es noch. Und der Mangel an echten Verlegern wächst und wächst.