Mittwoch, 4. September 2013

Ab in die Kraut? Warum Kai skeptisch ist...

Kai Rüsberg ist Freier Hörfunk- und TV-Journalist, u.a. für den WDR. Auf Twitter ist der Bochumer der @ruhrnalist. Zum Thema Crowdfunding zur Finanzierung von Journalismus ist Kai ziemlich skeptisch und nennt dafür acht Gründe. (S)ein schöner Beitrag zur Debatte - proudly presented:

Von KAI RÜSBERG

Kai Rüsberg
Crowdfunding - wird immer häufiger als neue Zukunft des unabhängigen Journalismus gehandelt. Prekäre Arbeitsverhältnisse, geringer Verdienst, unsichere Zukunftsaussichten lassen Journalisten nach neuen Finanzierungsquellen suchen. Inzwischen haben sich Plattformen wie Krautreporter.de gebildet, die Crowdfunding speziell für publizistische Projekte organisieren. Dort können Journalisten ihr Projekt vorstellen, die benötigte Finanzierungssumme festlegen und als Gegenleistung kleine Prämien ausloben, gestaffelt nach der Beteiligungssumme (die zumeist zwischen 10 und 500 Euro liegt). In der Regel geht dies von persönlicher Danksagung, über Information zum Fortgang des Projektes bis zu exklusivem Zugang oder Sonderausgaben des Endprodukts. Zusätzlich wird das fertige Produkt auf der Plattform veröffentlicht. Potentielle Finanziers entscheiden nach Themensetzung, mit wieviel Geld sie sich beteiligen und erwerben ein Recht auf die Veröffentlichung + Prämie.

Eigentlich ist es also ein klassisches Investorenmodell, erweitert um eine Art gesellschaftliche Rendite: die Veröffentlichung, von der auch Nutzer profitieren, die nicht zur Vorfinanzierung beigetragen haben.

Ein Win-Win Modell? Journalisten können unabhängig recherchieren, erhalten einen angemessenen, weil selbst kalkulierten Unkostenersatz und ein auskömmliches Honorar - und auch die Gesellschaft hat etwas davon. So die Theorie. Die Öffentlichkeit wird mit aufwändig recherchiertem Journalismus versorgt, ohne jeweils einzeln dafür bezahlen zu müssen. Ist das die Zukunft des Journalismus angesichts des Niedergangs klassischer Finanzierung durch Verlage. Ich bin da skeptisch.


Damit wir uns nicht missverstehen. Crowdfunding kann eine Chance sein. Es gibt schon viele erfolgreich gestartete Crowd-Projekte. Dadurch erschließen sich wunderbare neue Möglichkeiten. Aber ich sehe folgende Einschränkungen:

1) Unpopuläre Themen finden nicht immer eine "Kraut". Es ist ein bißchen wie bei YouTube. Kurioses und Tiere gehen immer. Sperrige Themen werden es in Konkurrenz zu Mainstream aber immer schwerer haben, auch ihr Publikum zu finden, sie sind deshalb aber nicht unbedingt weniger wichtig, aufgearbeitet zu werden.

2) Investigative Themen können funktionieren, insbesondere wenn sie versprechen, gesellschaftliche Mißstände zu beleuchten. Wird aber ein Thema spezieller, auf konkrete Verfehlungen einzelner oder von Gruppen/Parteien ausgerichtet, kann schon die Vorveröffentlichung das Thema killen oder sogar Informanten in Gefahr bringen. (Annahme: G. Greenwald hätte per Crowd eine Finanzierung der ersten Snowden Papiere gesucht)

3) "Kraut" eignet sich nicht für latent tagesaktuelle Themen.Hier ist nicht nur der parallele Aufwand zu hoch, sondern häufig entwickeln sich die Themen bei der Recherche fort.

4) Bei Crowdfunding droht ein Konflikt mit "anderen"/klassischen Auftraggebern. Bisherige Projekte waren oft unterfinanziert (Definition s.o.) und benötigen daher eine Zweitfinanzierung. Diese wäre eine Zweitverwertung in den klassischen Medien. Doch zunehmend versuchen Verlage, dies generell auszuschließen. Bei Projekten, die auf Produktionshilfe angewiesen sind, wie bspw. Kamerateam/Cutter beim Rundfunk, ist eine Freigabe des Materials kaum zu erreichen.

5) Ein großer Teil der Arbeitszeit und Einnahmen geht für die Aquise und Einlösen der Prämien für die Finanziers drauf. Zudem ist es nicht jedermanns Sache, das Marketing selbst zu betreiben und stört ggfs. auch stark den Produktionsablauf und beeinträchtigt damit möglicherweise die Qualität

6) Durch Crowdfunding gibt es sogar die Gefahr, dass fiskalisierbare Interessen (dort wo Geld ist) genehme Themen priorisieren oder beeinflussen. Dies kann durch finanzielle Beteiligung an einzelnen Projekten oder schon das Schaffen von einfachem Zugang zu Rechercheorten geschehen. Zugegeben: Dazu ist mir kein Fall bekannt. Aber es ist realistisch. Eine PR-Abteilung wäre schlecht beraten, diese Möglichkeiten nicht zu nutzen.

7) Das vorzeitige Scheitern einer Recherche ist nicht geregelt. Redaktionen zahlen in einem solchen Fall ein Ausfallhonorar, dass sich zumeist am bisherigen geleisteten Aufwand bemisst. Beim Crowdfunding wird aber die Unterstützung für den Fall des Erfolges berechnet. Eine Teilrückzahlung kommt kaum in Frage. Auch können die ausgelobten Prämien oft nicht bedient werden. Was könnte ein unerwünschter Effekt sein? Das Thema wird trotz mangelnder Erfolgsaussichten möglichst lang weiter verfolgt, obwohl journalistisch vielleicht ein Abbruch oder eine komplette Neuorientierung angeraten wäre?


8) Grundsätzlich finde ich, es ist richtig, wenn Finanzierung und Autorenschaft voneinander getrennt bleibt. Eine Redaktion als Gegenüber ist auch im laufenden Produktionsprozeß oft ein wichtiger Gesprächspartner, der beim Crowdfunding fehlt. 

Fazit: Crowdfunding kann ein zusätzliches Element sein, sollte aber nicht als der Heilsbringer überbewertet werden.

Aus meiner Sicht haben Stiftungsmodelle (ohne Grundstock) mehr Perspektive, auch wenn sie schwieriger zu organisieren sind und ebenso die Gefahr einer Beeinflussung von fiskalischen, weltanschaulichen oder politischen Interessen beinhalten. Dabei muß auf ein striktes Zwei-Säulen-Modell geachtet werden, wo die Finanzierung keinen Druchgriff auf die Themensetzung, Umsetzung und Gestaltung nehmen darf. Dazu könnte eine möglichst breite Basis der Finanzierung beitragen. Damit meine ich am Ende auch die Nutzer, denen eine Beteiligung durch ein freiwilliges Abo-Modell möglichst leicht gemacht werden könnte.


Im Regionalen, aus dem sich die Zeitungsverlage zunehmend zurückziehen und an das Publikum zunehmend Interesse zeigt, sehe ich die beste Chance, ein solches Modell zu testen. Ein solches Stiftungsmodell kann auch eine Basis für eine andere "Kraut" Idee sein: Das Crowdsourcing. Das Nutzen der Intelligenz der Masse - des Publikums - zur Recherche von Themen. Aber das ist ein anderes Thema.

Kommentare:

  1. (1/2)

    Einschränkung 1 ist empirisch belegbar schlicht falsch. Gerade Randthemen finden im (journalistischen) Crowdfunding ihre Finanzierung. Seien es ein paar tausend Euros für eine Reportage oder gar mehrere hundertausend für eine Dokumentation. Die Unabhängigkeit von Chefredakteuren, Verleger und dergleichen wird gesteigert. Die einzige Verpflichtung besteht gegenüber den Lesern/Zuschauern. Wer die Realität in deutschen Sendeanstalten und Verlagen kennt, wird diese freiere Luft zu schätzen wissen.

    Einschränkung 2 ist eine Herausforderung, aber kein Argument gegen Crowdfunding. In aller Kürze: Ein Journalist, dem es gelingt sich als investikativ zu präsentieren, kann durchaus für zukünftige Projekte ohne Nennung des konkreten Themas Finanzierung über eine Community im Crowdfunding-Prozess organisieren.

    Einschränkung 4 auch falsch. Es zeigt sich, z.B. bei Startnext, dass "klassische Finanzierer" (Sender, Verlage, Labels) eine Cofinanzierung mit Crowdfunding begrüssen. Auch in Fragen der Rechte-Auswertung gibt es durchaus einige Beispiele, die ohne Glaubenskriege funktioniert haben.

    Einschränkung 5 Das ist richtig. Es ist nicht jedermanns Sache ein für Crowdfunding notwendiges Marketing zu betreiben. Aber auch hier zeigen sich rund um die etablierten Crowdfunding-Plattformen bereits Dienstleistungen und Personen, die diesen Teil übernehmen bzw. den Crowdfunder entlasten. Es gibt hier also eine Arbeitsteilung, die dennoch nicht schlicht Richtung Verlags-/Sendermodell zeigt, sondern eine Professionalisierung, deren Organisationform(en) erst einmal offen sind in ihren Ausprägungen. Hinsichtlich den Ausgaben für diesen Bereich bleibt zu sehen, ob das Wasserkopf klassischer Finanzierer mit der Effizienz eines professionellen Crowdfunding langfristig mithalten kann.

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    1. Danke für die ausführliche Kritik. Ich bitte aber, um weniger persönliche Attacke: Das führt nicht weiter.
      Zu 1) Selbst wenn es statistisch empirisch belegbar wäre: von einem zunächst abseitig klingenden Thema überzeuge ich eher eine vertraute Redaktion als eine große Crowd.
      2) Das ist wieder die Diskussion Journalist als Marke. Das mag für bekannte Namen gelten, ist aber in der Masse unrealistisch.
      4) Ich zweifele nicht an, dass es möglich ist. Ich rede aber nicht vom großen Prestigeprojekt sondern von der Alltagsberichterstattung. Da geht die Forderung vieler Verlage zu Exklusivität bis hin zu einem Verwertungsverbot der Rechercheergebnisse.
      5) Auch hier: das ist eher das große Projekt. Ich spreche mehr vom täglichen Brot- und Buttergeschäft.

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  2. (2/2)

    Einschränkung 6 lässt einen leicht auflachen. Gerade eine breitfinanzierte journalistische Arbeit kann ihre Unabhängigkeit gegenüber Werbung, PR und anderer kapitalistischer Einflußnahme wahren.

    Einschränkung 7 hätte auch ein wenig mehr Recherche vertragen können. Die Auszahlung bei den meisten Crowdfunding-Plattformen geschieht bei erreichen der angegebenen Summe. Es entstehen also eher Probleme mit nicht erfolgreich produzierten Projekten, da diese den Ruf der Plattform und des Prinzipes Crowdfunding bedrohen könnten ("Es wird nicht geliefert") - Dass es keine "Nachschuß"-Möglichkeit gibt, wenn ein Thema umfangreicher etc. wird ist durchaus eine Herausforderung. Hier könnte eine Platform z.B. mit einem Fond gegensteuern, der mit gegebenen Regeln und Prüfmassnahmen hier einspringen kann. Eine Art Completion-Bond, wie man es z.B. vom Film kennt.

    Einschränkung 8 Hier tritt nun, ganz zum Schluß, das eigentliche Problem des Autors zutage. Er will gar keine unabhängigen Journalisten. Völlig ohne nähere Begründung wird die Rolle des Produzenten und Verlegers als nonplusultra gesetzt. Ein paar Argumente an der Stelle wären schpn schön gewesen, damit man wenigstens weiss, woher diese Romantik kommt. - "Wichtige Gesprächspartner" während des Produktionsprozesses sind durchaus sinnvoll. Ein Lektor für den Buchautor, ein journalistischer Kollege mit frischem Blick - aber dafür braucht es keine feste Redaktion oder gar einen Verlag/Sender. Ebenso sieht man guten Projekten auch in ihrer Erklärung (oder auf Nachfrage) an, dass sie sich dieses Aspektes bewusst sind. Ein Buchprojekt, das keinen Lektor in sein Budget einplant, würde von mir z.B. nicht ge-crowdfunded werden.

    Resümeé: Ein wenig Recherche stände auch einem von der Gesellschafts (auch so eine Art Meta-Crowd) finanziertem ÖRR-Journalisten gut zu Gesicht. Meinungen, die mit Kenntnis und Fakten unterlegt ist, machen immer mehr Freude als pseudo-kritische Fernbetrachtungen. Ein wenig merkt man die durchaus zu begrüssende Befürchtung des Autors, dass es einen Verlust an Qualität und Unabhängigkeit geben könnte. Warum er allerdings glaubt, dass diese in den alten Versionen klassischer Finanzierung besser geschützt sind als in sich verantwortlich und selbstkritisch offen formenden web-unterstützter Finanzierung bleibt auch nach Lesen des Artikels sein Geheimnis.

    Der versöhnliche Ausblick am Ende (Stiftungsmodelle und Crowdfunding parallel und gemischt) ist gut.

    PS: Wüsste gern einmal, wer unter den Vertretern, die Crowdfunding mit Wort und Tat fördern, ebenjenes als "Heilsbringer" verkauft wird. Ich kenne keinen.

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    1. Zu 6) ...richtig, und kann genauso instrumentalisiert werden. Um so mehr, als nach meiner Beobachtung viele tatsächlich eingereichte Projekte unterfinanziert sind.
      7) Gerade bei aufwändigen und investigativen Projekten ist es nicht unüblich, dass sich nach dem Start herausstellt, dass eine Ausgangsthese nicht zu halten ist. Darum geht es.
      8)Autor ist unabhängig. Will das auch bleiben.

      Es stört mich in der Diskussion um neue Finanzierungsformen jedoch, dass häufig die Intelligenz der Masse als Non-plus Ultra gesetzt wird. So als könnte sie bessere Entscheidungen als verantwortlich handelnde Redaktionen klassischer Strukturen treffen. Ich sehe Crowdfunding als eine sinnvolle Ergänzung für voraus-planbare Projekte an.
      Bei tagesaktueller Berichterstattung insbesondere im Lokalen gibt es aber nicht nur immer weniger Vielfalt, sondern zunehmend auch blinde Flecken. Gerade das Erfahrungswissen, das sich in gut organisierten Redaktionen über Jahrzehnte angesammelt hat, ist so leicht nicht durch Einzelprojekte ersetzbar.
      Ich plädiere daher dafür, dass sich Journalisten vielleicht mit Bloggern und Anderen zu Plattformbetreibern zusammen schließen und unter einer gemeinsamen Dachmarke veröffentlichen. Eine Kombination von Stiftungsfinanzierung und Crowdfunding und offenen Bezahlmodellen könnte die wirtschaftlich nachhaltige Basis sein.

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    2. Muss ich nochmals nachfragen. Wer setzt "die Intelligenz der Masse" als Nonplusultra. Bestimmt keiner, der ernsthaft irgendwo in Bereichen aktiv ist, die sich mit wisdom of the crowd oder crowd-basierten Prozessen beschäftigen.

      Wer sich mit der Wikipedia auskennt, weiss, dass die mit redaktionsbetreuten Werken mindestens vergleichbaren Qualitäten nicht aus einer merkwürdigen "Schwarmintelligenz" herausfallen, sondern von Individuen unter hierachie-freien Bedingungen erarbeitet werden.

      Wer sich mit Crowdfunding und ähnlichem beschäftigt, weiß, dass hier der Unterstützer in seiner Motivation eher mit einem Käufer einer Zeitung, Buches, DVD vergleichbar ist. Jemand möchte von der Verpackung, der präsentierten Kompetenz/Begabung und vllt. einigen Beispielen aus der Vergangenheit überzeugt werden. Es sind Individuen, die hier zu einer Art Pre-Produktion-Supporter werden, die neugierig sind auf das Produkt.
      Das hat nichts mit "Schwarmintelligenz" zu tun, sondern damit, ob Menschen sehen, dass damit ein Mensch Finanzierung sucht, um potentiell wichtige Themen für die Gesellschaft zu reflektieren, zu recherchieren und zu reportieren.

      Die Unterstützter von Crowdfundng kann man nicht mit einem Klick bei Facebook oder ähnlichem vergleichen.

      Ebenso denke ich, und da bin ich voll bei Herrn Rüsberg, dass neue Zusammenschlüsse auch bessere Verbindlichkeit, Qualität bringen werden. Diese via Methoden der Grundidee Crowdfunding zu entwicklen; mit Stiftungsfinanzierung, Abomodellen oder offenen Bezahlmodellen zu kombinieren ist eben genau das offene Spiel, das es jetzt zu ergründen, zu probieren und zu gestalten gilt (individuell, unternehmerisch und politisch). Und genau das geschieht ja auch.

      Nur sollte man nicht von vorne weg vermuten, dass die vom sogenannten Qualitätsjournalismus aus Zeitungen und TV so oft hochgehaltenen, aber selten umgesetzten Prinzipien und Grundvoraussetzungen flöten gehen, wenn man mal die Macht der alten Geldquellen und Herrschaftsräume pragmatisch in Frage stellt und neue Wege dafür sucht. Nichts gegen Skepsis, aber bei vielen Altgedienten kommt die eher reaktionär und reichlich unreflektiert rüber.

      Startnext z.B. hat in einem (nicht-journalistischen) Projekt gerade eine Genossenschaft ge-crowdfunded. Diese wird sich loslösen von der Plattform und dann als Genossenschaft in einem digitalen Businessbereich aktiv sein.

      Wie man an dem Beispiel Genossenschaft sieht, sind viele Grundideen oder Peinzipien des Crowdfunding in verwandten Formen bereits lange in Anwendung. Es wächst zusammen, was zusammen gehört.

      Ich könnte mir, um Herrn Rüsberg in einem Bereich zustimmend zu ergänzen, vorstellen, dass der Bereich Crowdfinancing einige lauthals schreiende schwarze Schafe haben wird, die die Grundidee gefährden. Aber selbst hier haben sich die ernstzunehmenden mittelständischen Marktteilnehmer bereits einen Kodex aufgelegt, der hoffen lässt, dass dies nicht epidemisch wird. Das führt aber nun ein wenig weg vom Crowdfunding für Journalismus.

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