Montag, 29. Dezember 2014

Ausblick zum Jahreswechsel: Ein Medien-Tag 2015

09.13 Uhr: Im Springer-Verlag läuten die Alarmglocken. Soeben hatte Google einige Millionen überwiesen, mit dem Hinweis „Schutz“. Döpfner rief Keese an: „Ich wusste, wir kriegen die irgendwann klein. Bring' Schampus mit.“

10.46 Uhr: Beim Verlegerverband macht sich Ratlosigkeit breit. Die Manager hatten schon jede Menge Redaktionen geschlossen, Konkurrenz-Redaktionen zusammengelegt, Gehälter gekürzt, Print und Online mehrfach zusammengeführt und wieder getrennt, alles in tariflose Mini-GmbHs zerschlagen, Hunderte Journalisten entlassen, immer mehr Freie ausgenutzt, aus zusammengekauften Inhalten Zombie-Zeitungen erschaffen. Ihnen fällt nun einfach nichts Neues mehr ein.

11.14 Uhr: YouTuber mit Millionen Abonnenten stellen entsetzt fest: Auch ihre Vermarkter sind nur sowas wie Verlagsmanager.
 
12.31 Uhr: Undercover-Reporter-Treffen. Man vereinbart geheime Zeichen, um sich nicht ständig gegenseitig interviewen zu müssen. Zu peinlich sowas. Bei der Montagsdemo lungern deshalb später alle um die einzigen beiden Nicht-Journalisten herum und versuchen deren Unterhaltung aufzuschnappen. Aber die Geheimdienstler sagen partout nichts Verwertbares.

13.55 Uhr: Bei den Ruhr Nachrichten denkt Verleger-Sohn Lensing-Wolff über Sanierungsfusionen nach. Er durfte sich die fremde Westfälische Rundschau nicht unter den Nagel reißen – weil er zu stark war. Aber die eigene Münstersche Zeitung durfte er verscheuern – weil er zu schwach war. Ach, es war alles so kompliziert bei den Medien. Vielleicht sollte er doch mit dem Sohn vom Neven DuMont gemeinsam in Immobilien machen.

14.31 Uhr: Das Netz grübelt. Mehr Teilhabe, Wissen und Kultur für alle? Theoretisch und in Ansätzen ja. Aber: die Leute zocken viel lieber Spiele, saugen Filme und Musik oder chatten. Politik wird vom Sofa aus gemacht - per Hashtag und Online-Petition. Und dann vermiesen auch noch eigennützige Algorithmen der Netzkonzerne, Pöbeleien der Sowieso-Alles-Besserwisser und Total-Überwachung die Stimmung. Braucht man ein neues Netz?
 
16.05 Uhr: „Die Ausländer sind unser Untergang“, wettert in der Fremdenhass-Stadt ein Demonstrant ins Mikro. „Woher wissen Sie das?“ will der Interviewer wissen, „in Dresden gibt’s doch kaum Ausländer“. Der Mann mit der Glatze ringt nach Luft, immer diese blöden Rückfragen der systemgesteuerten Mainstream-Journalisten. „Liest man doch ständig“, blafft er schroff und stimmt in den dumpfen Gruppen-Singsang ein: „Lügenpresse, Lügenpresse“.

18.38 Uhr: Ernüchterung bei Springer. Google hat mitgeteilt, die millionenschwere Überweisung am Morgen sei ein Irrläufer gewesen. Es handele sich nicht um Leistungsschutzgeld, sondern um Schutzgeld an Hacker. Damit Google nicht derselbe Cyber-Terror passiert wie Sony. Döpfner nippt sinnierend am Schampus: Für Geschäftsmodelle im Internet hatte er schon immer einen Riecher.
 
 
 

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