Sonntag, 9. Juni 2013

Als Journalist(in) heute: Noch einmal jung sein?

„Was für eine total bescheuerte Idee!“ Hannes sah mich so entgeistert an wie unser Chef es immer tut, wenn wir mal ein Weiterbildungsseminar besuchen wollen. Oder wenn wir über die Vorteile von Gewerkschaften diskutieren. Dieser Blick! Manchmal machen wir uns einen Spaß daraus. Ich hatte meinen Kollegen nur gefragt: „Würdest Du noch mal jung sein wollen?“

Wieder jung? Hannes schüttelte sich. „Ich würde schon am Aufnahmetest für die Journalistenschule scheitern.“ Wir nickten wissend, besser: nicht wissend. Hannes redete sich in Rage: „Und dann jahrelang nichts als Vertröstungen, immer wieder nur unbezahlte Praktika, mal hier und mal da in der Republik?“

Anja zog einen Flunsch: „Ganz zu schweigen von ewiger freier Mitarbeit zu Hunger-Honoraren, nur weil der Flurfunk flüstert, es könnte in ferner Zukunft auch mal eine Festanstellung geben. Nein, danke.“ Auch Christian winkte ab: „Und hat man mal einen Job erwischt, dann ist er befristet. Von Halbjahr zu Halbjahr. Wie soll man da planen, den Kopf frei haben für die vielen neuen Ideen und Möglichkeiten, die diese Generation hat?“

Oder: wie soll man sich da ohne Angst in Gewerkschaften engagieren? Nein, wir waren heilfroh, schon drin zu sein. Im Traumberuf Journalist. Obwohl... Ausgedünnte Redaktionen, Druck und Arbeitszeiten ohne Ende, doppelt und dreifach durch Digitalisierung, Tarifflucht, Sozialabbau, Honorardumping, ständig Angst vor dem Gefeuertwerden und dann zu alt sein. Auch kein Zuckerschlecken. Schlimmeres ohne Kampf kaum zu verhindern.

Noch einmal der Nachwuchs sein? „Quatsch, Gründe zum Jammern haben wir selber genug“, entschied Hannes. Und zog ein Maßband hervor. Die Schnibbelstelle zeigte: Noch 134 Tage bis zum Ruhestand.

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