Mittwoch, 3. April 2013

Brauns Ohrfeige für Journalisten

Nein, man muss sich wirklich nicht immer und über alles aufregen. Wer nur jeden zweiten möglichen Anlass fürs Aufbrausen nutzt, erhöht schon seine Lebensqualität. Aber - wofür hat man schließlich ein Blog!? - diesen hier mag ich einfach nicht auslassen: Manfred Braun, Geschäftsführer der Funke-Gruppe und damit einer der Chefs von drei Zeitungen und einem Zeitungszombie, hat den publizistischen Schlaumeier gespielt und Watschn an Journalisten verteilt.

Sein Vorwurf: Ihr Zeitungsredakteure schreibt doch nur für euch, denkt nur in Geschichten. Sein Rat: Seid lieber lesernah als journalistisch gut.

Als wenn Lesernähe und Journalismus ein Gegensatzpaar wäre.

Mehr Lesernähe! Sicher eine ewige Forderung, die man immer und überall erheben kann. Und zwar völlig zu Recht. Deshalb kann man auch zwei Internet-Koryphäen nicht so ohne weiteres widersprechen. Weder Christian Jakubetz, der in seinem "JakBlog" was von "ritualisierten Amtshandlungen" statt lesernaher Berichterstattung schrieb (die Jakubetz "speziell im Lokalen" ausmachte, obwohl es Braun genereller meinte). Noch Ulrike Langer, seiner Mitautorin von "Universalcode - Journalismus im digitalen Zeitalter", die auf Twitter ebenfalls Verständnis für die Forderung äußerte. Mit notwendigen Ergänzungen, die sie im "JakBlog" gottlob anfügte: "Dass ,mehr Lesernähe' nicht bloß gefordert, sondern auch umgesetzt werden muss, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Und Lesernähe gegen journalistische Qualität auszuspielen, wie Braun im Interview erwähnt, ist natürlich auch Quatsch."

Zurück zum Herrn Braun, dem Hendrik Zörner im DJV-Blog ein "Pfui!" gönnte. Er betonte in einem Interview mit der Fachzeitschrift MedienWirtschaft, das Lokale sei das Marktpotenzial der Regionalzeitungen. Wahrscheinlich war es ein Sonntags-Interview. Ab montags leitet er dann wieder ein Medienhaus, das innerhalb von fünf Jahren die Hälfte seiner Redaktionsmannschaft abgebaut haben wird - und zwar vor allem im Lokalen. Dabei wurde in vielen Lokalredaktionen die Belegschaft über die Schmerzgrenze hinaus ausgedünnt. So spielt man also die Gewinnerkarte "Stärke des Vor-Ort-Seins" voll aus?

Nun ja, diese Sparmaßnahmen... Sie sind halt notwendig, um noch viel Schlimmeres zu vermeiden. Wird Braun nicht müde zu behaupten. Was ist denn der Geschäftsführung seit 2008 oder 2009 so eingefallen, um der Zeitungskrise in einer zunehmend digitalen Welt zu begegnen? Ich meine: außer streichen, kürzen, schließen, rauswerfen, Berater bezahlen, Geschäftsführung vergrößern...

Klar, im Rahmen der "Offensive" wurde die Blattstruktur geändert, Lokales rückte nach vorn, es gab mehr Lokalseiten, im Internet sind die Titel wieder vertreten. Was steht dagegen? Überforderte Mini-Mannschaften vor Ort, die zu dritt gerne mal täglich fünf Seitenstücke füllen müssen, Dutzende geschlossene eigene Lokalredaktionen und Geschäftsstellen, Hunderte rausgeworfene Lokalredakteure und freie Journalisten - und Lokalteile, die inzwischen von der Konkurrenz per Zweitverwertung angeliefert werden.

Ja, da denkt man als verbliebener Lokalredakteur mit 60-Stunden-Woche natürlich nur an sich und die hehre journalistische Qualität...

Zynismus beiseite. Was man keinesfalls braucht, ist ein Geschäftsführer, der mehr Lesernähe fordert - statt sie zu ermöglichen.

Übrigens, der zitierte Hinweis, Zeitungsredakteure würden mehr für sich schreiben und denken und darüber die Leser vergessen, ist in meinen Augen allenfalls als schallende Ohrfeige für WAZ-Oberchefredakteur Ulrich Reitz und seine Korona zu verstehen. Reitz hatte, notgedrungen oder gewollt, wer weíß das schon, beim brutalen Lokalabbau mitgespielt - und den ursprünglich riesigen zentralen ContentDesk wohl als seine große Chance gesehen, aus der WAZ eine bundesweit be- und geachtete Zeitung zu machen.

Braun rückt, meine ich, mehr ihn zurecht: Lesernah, Herr Reitz - nicht zu ambitioniert...

P.S.: So, das musste einfach raus. Zum Thema passen auch dieser Beitrag bei Meedia ("Zum Geburtstag mal was Kritisches") und dass professionelle Fotografen abgebaut werden und künftig Leser ihre Handyfotos per App einschicken sollen - siehe vorherigen Text auf meinem Blog..

Kommentare:

  1. "Mit notwendigen Ergänzungen, die sie im "JakBlog" gottlob anfügte..."
    Na ja, die Ergänzungen habe ich von vornherein auch auf Twitter mitgepostet. Dort begann dann aber gleich eine Debatte mit viel Schaum vor dem Mund.

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    1. Dann habe ich die Ergänzungen auf Twitter überlesen, sorry. Wichtig sind sie allemal. Denn: So richtig es ist, ständig mehr Lesernähe (print wie übrigens auch digital) einzufordern, so falsch ist es wohl, zumindest aus näherer Sicht, ausgerechnet Herrn Braun zum Konzeugen zu nehmen. Das denkbar schlechte Beispiel (und sein unglückseliger Rat: mehr Lesernähe, weniger an Qualität denken) erklärt vielleicht den Schaum.

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