Freitag, 22. Februar 2013

Zwei Straßen weiter

Die Gläser mit dem Goldrand klirrten. Im piekfeinen Restaurant strahlte der eine Geschäftsführer: „Das soll uns erstmal jemand nachmachen. Eine so große Zeitung, die ohne eigene Redakteure erscheint – das hat noch keiner geschafft.“ Der andere Geschäftsführer tupfte mit der Serviette die Mundwinkel: „So sparen wir die Personalkosten, haben aber für die Anzeigenpreise immer noch volle Verbreitung und hohe Gesamtauflage. Die Eigentümer und ihre Banken sind begeistert.“ Geschäftsführer Nummer drei griente: „Und dann noch die netten Absprachen mit den anderen Häusern. Aber das Schönste ist: Keiner kann uns vorwerfen, wir hätten eine Zeitung eingestellt. Wir sind immer noch lokal offensiv.“ Im piekfeinen Restaurant herrschte satte Selbstzufriedenheit. Sie stießen nochmal an: „Auf den Bonus!“

Zwei Straßen weiter. In der Eckkneipe gab's am Stammtisch noch ein Bier. Aber keinen Korn, wie sonst. Nicht in Zeiten bevorstehender Arbeitslosigkeit. Auch Stammtische würden in ein paar Monaten seltener werden. Wir kapierten es immer noch nicht: „Eine Zeitung ohne Redaktion“, fragte Paul frustiert, „wer kommt denn auf sowas? Die ist doch ruckzuck eine Zeitung ohne Leser.“ Für uns war das logisch. „Vorne rot, hinten blau – wer will schon Mogelmischmasch? Dann doch lieber was aus einem Guss“, meinte Uwe. „Wie können die Herrschaften da noch von der Rettung der Medienvielfalt reden?“, schüttelte Heinz den Kopf. Paul schnipste ans Glas: „Für die heutigen Manager bedeutet Medienvielfalt wohl, dass von einem Zeitungstitel möglichst viele Zeitungshäuser profitieren.“ Ein Titel, fünf kassieren. Das Lachen blieb in unseren Hälsen stecken.

Zwei Straßen weiter. Im Schlafzimmer wälzte sich die freie Kollegin in unruhigen Träumen. Von 14 Prozent Rendite, die dem Konzern nicht reicht. Und von ihrer Pleite und Hartz4.

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