Donnerstag, 7. Februar 2013

WR: Wer sieht, dass Zombies wahr werden...

... der will auch an Träume glauben. Schreibt hier eine liebe Kollegin. Sie ist langjährige Lokalredakteurin bei der Westfälischen Rundschau (gewesen, leider). Eine gute, engagierte Journalistin. Sie hat die Schließung aller WR-Redaktionen noch nicht verarbeitet, natürlich nicht. Vor allem nicht, dass jeden Morgen weiterhin eine Art Rundschau im Briefschlitz steckt, ein Zombie. Sie mag im Moment ihren Namen nicht nennen.

Von ***

Foto: DJV NRW / Bertold Fernkorn
Direkt neben der Haustür, da stapeln sich die Zeitungen. Jetzt schon von mehreren Tagen. Sonst, da wurden sie als erstes morgens aus dem Briefschlitz gezogen und durchgeblättert. Das kann sich niemand sofort abgewöhnen, Zeitung - das ist ja unser Leben.

Nicht Zeitung allgemein, vor allen Dingen die Rundschau. Die Westfälische. Begehrter Arbeitsplatz nach Schule, Studium, Volontariat. Und morgens, mehr oder weniger wach, stets der erste Blick, der erste Griff. Noch vor dem Kaffee. Bis jetzt.

Immer noch: Verschlafen, unausgeschlafen nach einer sorgenwachen Nacht, der gewohnte Griff nach dem so vertrauten Papier mit der roten Headline. Dann wirst Du plötzlich wach, schockartig. Jeden Morgen neu. Obwohl Du es eigentlich schon weißt: Es ist gar nicht mehr Deine Zeitung.

Dein Blick schweift über die so vertrauten Seiten und sieht - ja was denn? Etwas, was da gar nicht hingehört. Die Konkurrenz nämlich, einstmals jedenfalls. Bestensfalls der "Mitbewerber", noch vor wenigen Wochen. Wettbewerber gibt's jetzt aber gar nicht mehr, überhaupt keinen Wettbewerb. Nur noch "lokale Partner". Was bitte?

Jetzt bist Du hellwach, verstehst, und das Papier, das einstmals Deine Zeitung war, fällt resigniert auf den Stapel neben der Tür. Das war mal Deine Zeitung, voller Leben, Arbeit, Engagement. Blöder Pathos? Nein, einfach bisher Alltag. Jetzt ist es nur noch eine Hülle, ein Name, missbraucht. Wo WR draufsteht, ist nicht mehr WR drin. Und eigentlich tut das viel mehr weh, als hätte man das ganze Ding zu Grabe getragen.

Die Hülle künftig gefüllt vom "lokalen Partner", dem wir aber immer noch für 150 Euro pro Wechsel-Abo die Leser abjagen. Warum denn? Im Inneren finden sie doch eh dasselbe. Mal blau. Mal rot. Wie jetzt in Dortmund. Da haben sie es konsequent gemacht, erzählt die Freundin und zeigt die Zeitung: Zwei Seiten Dortmund in rot, dahinter nochmal die eins und die zwei, identisch, diesmal in blau. Da merkt der Leser gleich, dass alles die gleiche Soße ist.

Du selber fährst durch Deine Stadt und siehst Geschichten. Für die Zeitung. Für Deine Zeitung. Und wieder merkst Du: Die gibt's nicht mehr. Vergiss die Geschichte doch einfach. Ja, ja, bis zur nächsten Ecke - Mensch, das muss ich schr... NEIN! Ich muss nichts mehr schreiben. Darf nichts mehr schreiben. Für meine Zeitung schreiben jetzt die, denen ich die Geschichte so gerne vorgesetzt hätte.

Karikatur: Karlheinz Stannies

Vorbei.

Warum? Wir haben gute Arbeit gemacht, sagte der Mann, der Verlagsmanager, der auch gerade erzählt hatte, dass wir gehen müssen. Alle. 120. Und dazu noch unsere vielen freien Kollegen. Von denen spricht er nicht, aber sie gehören zu uns. Fallen noch prompter, härter. Ansonsten mit uns im Gleichtakt. Weil unsere Arbeit mit Füßen getreten wird.

Empörte Abonnenten, die unsere gute Arbeit wollten, hören verwirrt vom Leserservice: "Was wollen Sie - die Qualität ändert sich nicht"... Wie bitte? Klar, auch die Kollegen machen gute Arbeit. Nur anders. Und gerade in Sachen Demokratie belebt Konkurrenz das Geschäft. Verschiedene Meinungen, Vielfalt, regen Denkprozesse an.

Vorbei.

Aber: Wir haben gute Arbeit gemacht, übrigens viele Preise gewonnen. Einige werden noch im Mai übergeben. Für die Arbeit von Menschen mit Herzblut. Dann an einen Zombie. An eine tote Hülle. Einer hat es erfunden, dieses Wort für die neue Hülle. Und es trifft. Ein Zombie steckt im Briefschlitz. Jeden Morgen.

Und wenn Du es merkst, wirst Du wach. Schockartig. Jeden Morgen neu. Und das, was mal Deine Zeitung war, landet ungelesen auf dem Stapel - direkt neben der Haustür.

Und plötzlich fällt Dir Dallas ein. Damals, als Pamela aus dem Traum erwacht, und der seit vielen Folgen eigentlich tote Held Bobby gaaanz lebendig unter der Dusche steht.

Ja klar - Kitsch. Soweit also haben wir es schon gebracht: Wer sieht, dass Zombies wahr werden, der will auch an Träume glauben... An den Traum vom besseren Leben - morgen früh bei einer lebendigen Rundschau mitten in der Redaktions-Konferenz. Denn da an der Ecke, da habe ich doch diese Geschichte gesehen...

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