Sonntag, 23. Juli 2017

Die Gesellschaft braucht Wächter!

Der Kollege Peter Welchering arbeitet überwiegend für Radio und Fernsehen, oft aus dem eigenen Studio, lehrt Journalismus und ist im Landesvorstand des DJV Baden-Württemberg. In seinem Blog welchering.de schrieb er jetzt seinen Frust über "affige Modetrends in Richtung brave new journalism" - also über all das, was uns beinahe täglich als Heilsbringer gepriesen wird - von der Seele. Dabei retten uns doch vor allem die alten Tugenden, meint er. Proudly presented:

Von PETER WELCHERING

Es wurde mal wieder die Erlösung für Journalisten verkauft, und die liegt angeblich in einem "konstruktiven Journalismus". Wenn wir nicht endlich "good news" bringen, würde der Journalismus nicht überleben, so wird argumentiert.

Der kritische Journalismus, so wird behauptet, sei ein aussterbendes Gewerbe. Und es gibt noch mehr Vorschläge, wie und wohin sich Journalismus hierzulande entwickeln müsse. Gefordert wird, die journalistische Tätigkeit als gemeinnützige im steuerrechtlichen Sinne anzuerkennen.

Die Diskussionen sind nicht neu, aber nach wie vor furchtbar. Neue Finanzierungsmodelle, neue Formen der Zugangsbeschränkung in diesen einst freiesten aller Berufe, von neuen Journalismen wird geraunt, die die alte, verstaubte, aus den Zeiten des Print und des Rundfunks stammende Profession ablösen wird. Die Zukunft des Journalismus liegt dann wahlweise im Drohnen-Journalismus, im Daten-Journalismus oder im Roboter-Journalismus.

Neue Studiengänge entstehen, die die Zukunft des Journalismus absichern sollen, aber eigentlich nur die Segmentierungstheorie aus den 1980er-Jahren auf die journalistische Ausbildung anwenden, derzufolge damals aus Musikwissenschaft das Spezialfach mittelalterliches Flötenspiel zu werden hatte.

Zukunftspapiere entstehen zu Hauf. Man kann sie gar nicht alle lesen, und es lohnt zum größten Teil auch nicht. Die einen schwärmen darin, dass der Journalismus der Zukunft selbstbestimmte Arbeit bringen werde, die anderen sehen das Heil des Gewerbes im Journalismus Marke "Wodka Gortabtschow", und Dritte wiederum glauben, dass nur noch Stiftungen und Crowdfunding das so ersehnte Heil in dieser heillosen journalistischen Gegenwart bringen. Es wird darum gestritten, ob Storytelling oder Corporate Publishing mit dem Sonderbeschäftigungsbereich Native Advertising die besseren Jobs im Journalismus der Zukunft sichern, und debattiert wird, ob nicht doch Content Delivery die hauptsächliche Ausübungsform in diesem Gewerbe sein wird.

Vergessen wird in allen diesen Diskussionen vollkommen, dass der Journalismus nur dann eine Zukunft hat, wenn wir Journalisten unsere Arbeit handwerklich sauber erledigen, mit der diese Gesellschaft uns beauftragt hat, und diese Aufgabe heißt: Die journalistsiche Wächterfunktion wahrnehmen!

Diese Aufgabe hat viele Aspekte, stellt hohe Herausforderungen und setzt eine ganze Menge methodisches Wissen, aber auch enorm viel Leidenschaft für die Wahrheit, für das System der Checks & Balances, auf dem rechtsstaatliche Verfasstheit beruht, und für diese demokratisch organisierte Gesellschaft voraus. Das ist zweifellos unangenehmer, als sein Heil in neuen Bindestrich-Journalismen à la mittelalterlichem Flötenspiel zu suchen, denn es geht einher mit vielen Anfeindungen, extrem viel Fleißarbeit und hartem Ringen um die richtigen Worte. Die Zukunft des Journalismus liegt ganz einfach darin, dass Journalisten endlich wieder die ihnen übertragene Wächterfunktion wahrnehmen. So einfach ist das!

Das Problem dabei: Viel zu wenige Journalisten tun das noch. Sie haben die Wächterfunktion aufgegeben. Denn wer es ernst meint mit der journalistischen Wächterfunktion, der eckt an, bekommt nicht selten Schwierigkeiten, wird bedroht. Wer statt dessen lieber fürs Native Advertising schreibt oder sein Geld damit verdient, dass er Verlage und Sendeanstalten als Digital-Prophet in Grund und Boden berät, verdient mehr Geld und hat ein besseres Leben.

Nur eine Zukunft hat er mit dieser kurzweiligen Publizistik-Zauberei nicht. Deshalb sollten wir Journalisten endlich damit aufhören, dicke und weitgehend inhaltsleere Papiere über die Zukunft des Journalismus zu produzieren und uns statt dessen wieder aktiv um unsere Wächterrolle kümmern. Das braucht die Gesellschaft, und dafür ist sie bereit, zu zahlen, und eben nicht für irgendeinen affigen Modetrend in Richtung „brave new journalism“.


Sonntag, 2. Juli 2017

Kritisierst Du noch...

Die Suche nach der Nachricht im Heuhaufen... Karikatur: Karlheinz Stannies
Es war eine unschuldige Frage. Sag mal, Wirt, wie spät ist es eigentlich? Gleich halb neun, informierte er den Stammtisch. Da brach es aus Manni heraus: Was heißt hier gleich? Sind es zehn Minuten oder nur vier? Was hast Du eigentlich für eine Uhr? Brauchst Du eine Brille? Die Fragen prasselten. Wir versuchten, Manni zu beruhigen. Aber der forderte unbeirrt weiter Auskunft: Warum weigerst Du Dich, die genaue Zeit zu sagen? Was steckt dahinter? Bist Du auf mehr Umsatz scharf? Willst Du den Stammtisch belügen?

Der Wirt schnappte nach Luft. Wir konnten Manni gerade noch daran hindern, ein Mikro aufzubauen und sein Aufnahmegerät zu starten. Typischer Anfall von criticaster obsessionis. Der Zwang, wie ein Journalist zu handeln. Also: investigativ, total misstrauisch und superkritisch. Wir kannten das schon. Das geht irgendwann in Fleisch und Blut über, man kann gar nicht mehr anders. Auch im Privatleben.

„Stimmt“, gab Heike zu. „Kürzlich habe ich meinen Mann einer knallharten Befragung unterzogen.“ Lippenstift am Kragen? „Nein“, grinste sie, „der Müll war noch nicht raus.“ Und, hat es was gebracht? „Klar“, sagte Heike, „er hat auch noch das nicht gemachte Bett gestanden.“ Gratulation zum Coup, Kollegin. „Na ja, danach gab's für mich zwei Wochen keinen Gute-Nacht-Kuss mehr.“

Tja, wer aufdeckt, hat nicht nur Freunde. Wir spürten aber auch: Der Umgang wird immer rauer, auch untereinander. Matthes dozierte: „Ich habe das Gefühl, wir decken nicht mehr nur auf, wir müssen auch gleich zur Strecke bringen.“ Es trifft längst nicht mehr nur Politiker, Staatsdiener oder Konzerne, denen man als Wächter unbedingt auf die Finger schauen muss.

„Sind wir auf dem Weg zum Kotzbrocken-Journalismus – kälter, kleinlicher, gemeiner?“ fragte Sabine. „Manchmal weiß ich nämlich nicht mehr so genau: Kritisierst Du noch – oder hetzt Du schon?“ Wir redeten noch lange über unsere Rolle zwischen Aufklärer und Ankläger.

Der Wirt verteilte Bier-Nachschub, Mannis Glas mussten wir zu ihm hinschieben. Er zuckte ungerührt mit den Schultern: „Ich bin halt kritisch. Ich hinterfrage eben alles“. Nur nicht Dich selbst, lag uns auf der Zunge. Aber wir sagten nichts. Unter Freunden, da fällt man schon mal aus der Rolle.


Sonntag, 25. Juni 2017

Martin, der Erlöser

Die SPD setzt voll auf Martin Schulz. Der auch in Umfragen ablesbare Hype nach seiner Kandidatenkür, als er der Heilsbringer schien, ist zwar abgeflaut. Aber die Sozis sind wohl überzeugt, ihn und sich wieder prozentual nach oben zu wählkämpfen. Ist ja noch lang hin bis zur Bundestagswahl. Kann Schulz bis dahin über Wasser laufen? Für Super-Karikaturisten wie Thomas Plaßmann (Essen) und Heiko Sakurai (Köln) ist "Martin, der Erlöser" natürlich auch ein Segen. Was den Zeichenstift-Kommentatoren so einfällt, begeistert mich immer wieder. Sie auch? Hier zwei Beweise, warum ich die "Künstler unter den Journalisten" so gut finde - proudly presented:
Karikatur: Thomas Plaßmann

Karikatur: Heiko Sakurai

Freitag, 16. Juni 2017

Journalism!




Olli Dittrich und Jan Böhmermann würdigen Journalisten. Eine Ode an den Journalismus? Oder eher ein wenig Veralberung?

Sonntag, 16. April 2017

Ein Tach ist zu wenig

Paul setzte sich mit Schwung zu uns an den Stammtisch: „Na, ihr Feinde des Volkes!“ Wir grüßten fröhlich zurück: „Hey, Du Lügner und Spion!“ In Zeiten von Präsident-Azubi Trump und Möchtegern-Sultan Erdogan ist ein lapidares „Tach, Kollegen“ unter Journalisten eindeutig zu wenig.

Karikatur: Karlheinz Stannies
Neuerdings erzählten wir uns zu Beginn die schönsten Fake-Klopper des Tages. Patrick fing an: „Trump begrüßt eine Frau, twittert begeistert: I can grab them by the hand, too. So great!“ Karo legte nach: „Persönlich ausgezählt: Erdogan toppt Schulz – 101 Prozent für seine Präsidialmacht. Und die anderen 60 Prozent sind ungültig im Gefängnis.“ Mannis Schlagzeile hieß: „Sender und Verlage wollen Freie besser behandeln.“ Unterzeile: „Der Verlegerverband unterschreibt Vergütungsregeln – und will sich sogar daran halten.“

Jetzt konnten wir wirklich nicht mehr vor Lachen. Aber es blieb im Hals stecken. „Ich hab's nie gekapiert“, sagte Jutta, „die schließen einen Vertrag, halten sich aber nicht dran, solange sie ihre Leute erpressen können – und wenn dann Klagen einfacher werden, kündigen sie die Regeln. Was sind das für Menschen?“ Wir stöhnten eine Antwort, die nicht druckreif war. Timo meinte: „Das Gruselige ist, sie werden auch noch geachtet – von der Bundespolitik bis runter zum Golfklub vor Ort.“

Wir Journalisten werden dagegen missachtet. Das bekamen wir alle zu spüren, im Betrieb und draußen. Das muss sich ändern. „Digital oder Print, schnick oder schnack: Guter Journalismus zählt“, predigte Gerda. „Es geht um die Wahrheit, wir sind die Faktenchecker. Wir müssen mehr Menschen unsere alten Tugenden klarmachen.“ Ja, aber wie? „Die Kampagne könnte 'Wahres ist Rares' heißen“, meinte Rita und hatte wohl diese Fernsehshow im Sinn, bei der alte Sachen wertgeschätzt werden. Kevin grinste: „Und als Online-Version mit Paywall nennen wir sie: Bares für Wahres.“

Apropos Online. Karsten wollte schon nach Hause. „Frühschicht im Netz. Ihr wisst ja: Der frühe Vogel fängt den Wurm!“ Marion zwinkerte ihm zu: „Ja, aber: Der späte Vogel tanzt abends mit der Schnecke.“


Freitag, 7. April 2017

Wieder Ruhr Nachrichten - breiter grinsend

Hier geht's gleich nochmal um die Ruhr Nachrichten (RN), die im Dortmunder Medienhaus Lensing-Wolff erscheinen. Diesmal mit noch viiiiiel breiterem Grinsen als bei der Chefredakteur-Schwemme. Grund: Der ohnehin tarifscheue Verlag muss einem Freien Journalisten rund 45.000 Euro Honorar nachzahlen - mehr als das Jahresgehalt eines RN-Redakteurs. Drei Jahre lang hatte der Regionalverlag die Prozess-Niederlage abwenden wollen, zuletzt sogar den Bundesgerichtshof angerufen. Die ganze Geschichte steht bei meedia.
Der noble Herr Vize-Präsident der Zeitungsverleger in NRW hatte die mit dem BDZV auch für seinen Verband ausgehandelten gemeinsamen Vergütungsregeln frechweg missmachtet - und einfach weniger bezahlt. Schlechtes Vorbild, könnte man sagen. Allerdings machten es leider ohnehin viele, viele Verleger ebenso.
Hach, was haben die Verleger ihre Blockade-Haltung bei den
Vergütungsregeln genossen. (Karikatur: Karlheinz Stannies)
In einer perfekten Welt hätte "Freemann" weniger
Probleme, sich beim Auftraggeber durchzusetzen
Was den Gutsherren in den Medienhäusern besonders gut gefiel: Jeder Freie Journalist, der sich auf die vereinbarten Vergütungsregeln - ohnehin nicht üppig - berufen wollte, musste höchstpersönlich bei ihnen antreten und bitte-bitte machen - oder auf eigene Kappe klagen. Wer kann sich schon sowas leisten gegen den oft einzigen Auftraggeber am Ort?
Sie wähnten sich also ziemlich sicher, die Honorar-Missachter. Aber: Hier und da klagte dann doch ein Freier Journalist. Der Landesverband NRW des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV NRW) gab nicht nur Rechtsschutz, sondern im Bedarfsfall auch Kredite - zum Überleben während der Klage-Zeit. Mehrere Verlage wurden bereits zu Nachzahlungen verdonnert.
Gleichzeitig versuchten der DJV und andere, die Politik dazu zu bringen, ein Verbandsklagerecht einzuführen, damit sich nicht jeder Freie einzeln wehren muss. Jetzt liefert der Gesetzgeber - und was tun die Verleger? Der BDZV kündigte die Vergütungsregeln. "Ein Affront gegen die Freien", schimpfte DJV-Chef Frank Überall, siehe hier.



Dienstag, 4. April 2017

Vier Chefredakteure - noch ohne CWO

Die Dortmunder Ruhr-Nachrichten - ein Medienhaus, das Tarife fürchtet und auch schon mal Redaktionen schließt - haben bald vier Chefredakteure, meldete kress. Da gibt es neben dem Chief Structure & Strategie Officer (CSO) und dem Chief Corporate Publishing (CCP) bald den Chief Content Officer (CCO) und den Chief Digital Officer (CDO).

Mal abgesehen davon, dass es keine Chiefin gibt: Die Verdoppelung von zwei auf vier Chefredakteure und ihre Spezialisierung auf Aufgabengebiete wurde auch höchste Zeit. Verleger Lambert Lensing-Wolff will damit den "vielfältigen Anforderungen in der digitalisierten Medienwelt" begegnen und "Qualität und Geschwindigkeit auch in der Führung einer Redaktion" erhöhen. Sehr lobenswert.

Das Wörtchen "auch" irritiert mich allerdings noch ein wenig. Wahrscheinlich habe ich die Meldung verpasst, dass zur Sicherung von Qualität und Geschwindigkeit die Lokal- und anderen Redaktionen in dem Medienhaus personell verdoppelt wurden. Falls noch nicht geschehen, wird dieser notwendige Schritt bestimmt bald verkündet. Und beim nächsten Aufplustern der Chefredaktion ist dann sicher auch eine Frau dabei - als CWO, Chief Woman Officer.

Montag, 20. März 2017

Mutti und die bösen Jungs

Trump, Erdogan - der Job von Kanzlerin Merkel ist seit Monaten nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Allerdings liefern die Scharmützel mit dem "so called" Präsidenten und dem Möchtegern-Sultan den Karikaturisten genug Zeichen-Stoff. Auch das Wiedererstarken der SPD mit 100-Prozent-Herausforderer Schulz erstaunt und irritiert, vor allem wohl die "alte Tante" selbst. Hier, proudly presented, ein paar Beweise von Heiko Sakurai:


Karikatur: Heiko Sakurai



Karikatur: Heiko Sakurai


Karikatur: Heiko Sakurai